Kulturpolitik
Brennpunkt
Bayreuth: Ende einer Welt-Institution?
Bis 2019 war der Bayreuther Festspielchor seit seinem Bestehen mit seinen (immer mindestens) 134 sorgsam ausgewählten und erfahrenen Mitgliedern eine weltweit einmalige Institution, ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal der Bayreuther Festspiele. Im ersten Corona-Jahr 2020 sorgte die verzögerte Vertragsausstellung durch die Festspiele dafür, dass der Chor für den pandemiebedingten Ausfall der Festspiele keinerlei staatliche Kompensationen in Anspruch nehmen konnte. In den Jahren 2021 und 2022 haben es Chor und VdO durch ein enormes Entgegenkommen bei den tarifvertraglich festgelegten Beschäftigungsbedingungen ermöglicht, die Festspiele unter Pandemiebedingungen mit erheblich reduziertem Chor stattfinden lassen zu können. Ungeachtet dessen hielt die diesen Verzichtsleistungen zugrundeliegende Rückkehr zu den allgemeinen tariflichen Bedingungen dann nur für eine Festspiel-Saison, nämlich 2023.
Foto: Bayreuth Marketing Tourismus GmbH/Meike Kratzer
Die Saison 2023 wurde dann sogar mit einem wirtschaftlichen Rekord-Ergebnis abgeschlossen. Ungeachtet dessen verkündete die Festspielleitung für 2024 zunächst eine – tarifvertragswidrige – Reduzierung des Festspielchors auf 80 Stellen, also um 40%. Durch Intervention des Chorvorstands und der VdO konnte dies auf eine ausdrücklich einmalige (!) Reduktion auf 115 Stellen nebst individuellem Verzicht der Chormitglieder auf bezahlte freie Tage eingedampft werden. Anschließend scheiterte die Festspielleitung sowohl daran, diese verbindlich zugesagte Anzahl vollumfänglich einzuhalten, als auch daran, einen zusätzlich geplanten „Sonderchor“ für die Produktion „Tannhäuser“ im vorgesehenen Umfang zusammenzustellen.
Zu Beginn der Saison 2024 folgte die nächste Überraschung: der seit 30 Jahren efolgreiche Chordirektor Eberhard Friedrich sah sich völlig unerwartet mit der Frage der Beendigung seiner Tätigkeit konfrontiert – angeblich aus Altersgründen. Abgesehen davon, dass Friedrich tatsächlich erst ein Jahr später das Rentenalter erreicht hätte, sah er sich wohl derart in die Ecke gedrängt, dass er lieber selber kündigte. Sehr schnell war dann – ohne ein geordnetes Verfahren – der Leipziger Chordirektor Thomas Eitler de Lint als Nachfolger aus dem Hut gezaubert worden. Ein professioneller und künstlerisch verantwortungsvoller Umgang mit dieser zentralen Personalie sieht anders aus.
Zuguterletzt teilte die Festspielleiterin dann nach der letzten Vorstellung dem Chorvorstand mit, dass es auch den Festspielchor selbst in der bisherigen Form nicht mehr geben würde. Es sei jedoch jedem Mitglied freigestellt, sich für 2025 auf eigene Kosten auf ein Vorsingen für einen wie auch immer gestalteten „neuen“ Festspielchor zu bewerben, obwohl der neue Chordirektor schon während der laufenden Saison mehr als genug Gelegenheit gehabt hätte, sich ein Bild von ihrer Leistungsfähigkeit zu machen. Nichts davon war mit dem Chorvorstand oder der VdO abgesprochen worden.
Im 4. Quartal 2024 begannen dann die Vorsingen an verschiedenen Orten. Ein großer Teil der bisherigen Mitglieder des Festspielchors zog es angesichts der respektlosen Behandlung vor, sich daran nicht zu beteiligen. Bei mutmaßlich insgesamt ca. 500 Bewerbungen zeichnet es sich ab, dass es – nach der zweiten Runde – ca. 50 hinreichend qualifizierte Stimmen geben wird, die den neuen Chor formen könnten. Wieviele Stellen dieser letztlich haben soll, ist unbekannt – die tarifvertraglich verbindlich festgelegten 134 werden es allerdings mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr sein. Zusätzlich wird versucht, für bestimmte Werke oder Werkteile einen „Sonderchor“ zusammenzustellen, durch den der Tarifvertrag zusätzlich unterlaufen werden soll. Details hierzu sind unbekannt; der Chordirektor ist auch nicht bereit oder nicht ermächtigt, mit der VdO zu kommunizieren. Auch ist es unbekannt, ob die Festspielleitung bereit ist, sich, abgesehen von der Chorstärke, bezüglich der Verträge für die Mitglieder des Festspielchors an die tarifvertraglichen Konditionen zu halten, auf die, soweit sie VdO-Mitglieder sind oder werden, einen einklagbaren Rechtsanspruch haben.
Die Saison 2025 steht also unter fragwürdigen Vorzeichen. Für die Jubiläums-Saison 2026 war zunächst ein fulminantes Programm mit allen Werken des „Kanons“ nebst „Rienzi“ und Beethovens 9. Sinfonie angekündigt worden. Aus finanziellen Gründen soll dieses nun wohl auf einen Torso mit semi-konzertantem „Ring“ zusammengestrichen werden. Derartiges lässt vielleicht auch darauf schließen, wie überzeugt die finanzierenden Rechtsträger von den künstlerischen Leistungen und Konzepten der Festspielleitung sind.
Trauriges Fazit: Der legendäre Bayreuther Festspielchor ist Geschichte – die Festspiele demnächst auch?
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