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Spätes Glück – so groß
Die Barockoper im Überblick
Isolde Schmid-Reiter/Dominique Meyer (Hg.): L’Europe Baroque – Oper
im 17. und 18. Jahrhundert, ConBrio Verlagsgesellschaft, Regensburg
2010, 256 S., 24 Euro
Unverhohlenes Staunen bestimmt immer wieder die Beiträge
zu diesem zweisprachigen Sammelband. Dass „Hunderte von alten
Opern auf die Bühnen zurückkehren, und nicht wenige von
ihnen dort auf Dauer verbleiben werden“, wird von Sieghart
Döhring, dem Präsidenten der Europäischen Musiktheater-Akademie,
als die möglicherweise bedeutendste Leistung des Opernbetriebs
seit den 1980er-Jahren gefeiert. „Niemand hätte doch
vor hundert Jahren für möglich gehalten, dass die Oper
ihre Lebenskraft zu einem guten Teil aus der Rückbesinnung
auf die Historie ziehen würde, und zwar nicht nur in der Restitution
des Bestehenden, sondern auch in seiner schöpferischen Neudeutung“.
Freilich, so Döhring, könne bislang von einer „systematischen
Erschließung der alten Oper für die Gegenwart keinesfalls
die Rede sein“ – Nachholbedarf bestünde nicht
nur hinsichtlich der französischen Oper insgesamt und der
Opéra comique im Besonderen, sondern vor allem auch hinsichtlich
der Reintegration des Balletts in aktuelle Produktionen. An diesem
Punkt dürften die Fragen der Finanzierbarkeit eine Schlüsselrolle
einnehmen.
Als Ertrag einer Tagung in Paris haben die Wiener Musiktheaterwissenschaftlerin
Isolde Schmid-Reiter und der Wiener Staatsopernintendant Dominique
Meyer (vormals am Théâtre
des Champs-Élysées) eine Material- und Stimmensammlung
zum Erfolgsweg der „Barockoper“ in den letzten drei
Jahrzehnten vorgelegt (das am Pariser Prachtboulevard des
19. Jahrhunderts gelegene The-ater wurde von Meyer als „ständiges
Festival“ für alte Oper definiert). Die Herausgeber
befleißigten sich eines „pragmatischen“ Umgangs
mit dem titelgebenden Terminus. Sie vertrauten also auf einen marktorientierten,
nicht kunst- oder musikgeschichtlich auf seine Sinnhaltigkeit hin
befragten Begriff von „Barock“. „Dieses Buch
(…) beleuchtet Oper im 17. und 18. Jahrhundert, ihre Erschließung
und interpretatorische Neudeutung interdisziplinär aus vielfältigen,
insbesondere auch für die gegenwärtige Aufführungspraxis
relevanten Blickwinkeln.“
Die Bestandsaufnahme gilt der Spezialisierung von Ensembles für
die Musik des 17. und 18. Jahrhunderts und der immensen Verbreiterung
des wieder ins öffentliche Interesse gerückten Komponisten-Spektrums. „Das
Auswahlprinzip, nach dem große Komponisten erhalten bleiben
und Kleinmeister untergehen, wie es für die Repertoirebildung
im 19. Jahrhundert gelten mochte, ist für die Barockoper nicht
(oder nicht mehr) anzuwenden“, resümiert Mathias Spohr.
Erörtert wurden von den Tagungsteilnehmern noch einmal die
Entwicklungslinien der verschiedenen Gattungen – „L’opéra
français est né sur un incroyable paradoxe“,
ruft Jean-François Lattarico in Erinnerung, und Stephanie
Schroedter findet viele Hinweise darauf, dass und in wie hohem
Maß der Tanz integraler Bestandteil des Musiktheaterbetriebs
war. Neben erfolgreichen Verfechtern der „Barockmusik“ wie
Christophe Rousset oder William Christie kommt auch der in größerer
Bandbreite tätige Regisseur Robert Carsen zu Wort. Das gehört
zu den Vorzügen dieses Sammelbandes.
Der Preis solcher Anschaulichkeit ist eine gewisse Inhomogenität. Überhaupt
hätte das Projekt, um für ein größeres Publikum
(und nicht nur die „üblichen Verdächtigen“)
noch attraktiver zu werden, eines weiteren, über die gründliche
Redaktion hinausgehenden Arbeitsgangs bedurft – der Zusammenfassung
und Pointierung des polyphonen Gewebes von Beiträgen der Wissenschaftler
und aktiv engagierter Künstler. Womöglich auch der Anstrengung,
das Besondere zum Allgemeinen noch einmal in Beziehung zu setzen.
Denn was der Siegeszug der vormozartschen Opern für das Repertoire
der großen Opern des 19. Jahrhunderts, das Musiktheater der
Moderne und das Feld der Uraufführungen bedeutet – auch
an Verdrängungswettbewerb – bedürfte durchaus der
Problematisierung. Auch auf den steinigen Feldern und in den weichen
Betten des Musiktheaters ist des einen Glück manch anderer
Unglück. Frieder Reininghaus
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