
Vorleistung für die nächste Generation
Ein Gespräch mit dem Wirtschaftsprofessor Ulrich Blum Geboren in München, studierte Ulrich Blum Wirtschaftsingenieurwesen
in Karlsruhe und wurde dort auch habilitiert. Professuren in Montreal,
Bamberg und Dresden führten ihn schließlich nach Halle,
wo er seit 2004 Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung
ist. Neben seinem umfassenden Interesse für Kultur hat sich
Blum auch in Aufsätzen zum Beispiel über den „Wert
der Kultur für die Wirtschaft“ Gedanken gemacht. Über
die Bedeutung von Kultur allgemein und für die Region Dessau-Roßlau
im Besonderen unterhielten sich für „Oper & Tanz“ Gerrit
Wedel und Barbara Haack mit dem Wirtschaftsprofessor.
Oper & Tanz: Die Region Dessau-Roßlau hat ein sehr großes
Theater. Ist die Kulturinstitution Theater Dessau vielleicht zu
groß für die Region?
Ulrich Blum: Das hängt von
der Nachfrage der Besucher ab. Das Theater in Dessau ist nicht
zu groß, sondern die regionale
Absorption in der Kundschaft, also die Nachfragebereitschaft und
der Wille, das Theater zu besuchen, sind zu klein. Da fragt man
sich unweigerlich: Warum ändert sich daran nichts?
O&T: Aber genau hier wurde durch die Zusammenführung zweier
Regionen (Dessau mit Roßlau) etwas geändert. Der Einzugsbereich
ist ja fast verdoppelt worden.
Blum: Die Kilometerzahl wurde aber
nicht geringer. Offiziell wurden zwei Gemeinden verknüpft, die jetzt einen Kulturraum bilden.
Da muss man jedoch sehr vorsichtig sein. Das Theater Dessau ist
ja bekanntlich eine Einrichtung mit einer interessanten, zum Teil
fast bizarren Vergangenheit, gemacht für eine ganz andere
Vorstellung von Kultur.
Warum sind wir nicht in der Lage, die Auslas-tung deutlich zu verbessern,
so dass sich das Theater automatisch stärker füllt, damit
es eben nicht zu groß, sondern angemessen ist? Dafür
gibt es zwei Stellschrauben: Mit der einen kann man Kosten senken,
mit der anderen Erträge steigern. Ich glaube, in Deutschland
sind wir in unserer Kulturpolitik sehr zögerlich beim Erträgesteigern.
Das ist im Übrigen keine Aufgabe, die das Theater alleine
bewältigen kann.
O&T: Wie beurteilen Sie den
kulturellen und wirtschaftlichen Standortfaktor des Theaters?
Blum: Die Frage reißt ein Thema an, das man in Deutschland
eher ungern angeht. Diktaturen sind in der Regel geneigt, die kulturelle
Identität eines Volkes zu professionalisieren. Nicht umsonst
bauen alle Diktaturen, vor allem totalitäre Systeme, Theater.
Das haben die Nazis gemacht und genauso die Kommunisten in der
DDR. Man muss sich dabei aber die Frage stellen: Ist das, was von
den Totalitären gemacht worden ist, immer falsch?
Eine Gesellschaft wird nur dadurch reich, dass sie als Gesellschaft
und als ökonomisches System zwei Eigenschaften besitzt. Erstens:
Sie muss kreativ sein. Und zweitens: Sie muss billig funktionieren.
Beides steht im Widerspruch zueinander. Wir haben es also mit einer
Dialektik zu tun, die immer wieder neu austariert werden muss.
Die Frage lautet dann: Welche sind die wesentlichen Vermittlungsinstitutionen,
um den kulturellen Zusammenhalt und die Identität einer Gesellschaft
zu begründen? Und wie schaffe ich im Rahmen dieser Identität
den kreativen Spielraum?
O&T: Wie ist denn die Interdependenz zwischen einer kulturellen
Kreativität, von der Sie eben gesprochen haben, und einer
wirtschaftlichen Kreativität?
Theater als Marke
Blum: Ich veranschauliche das am
Beispiel China: In der chinesischen Kultur ist es üblich, den Meister zu kopieren. Das Kopieren
ist dort nichts Schlechtes, es ist Teil der Kulturleistung. Die
Chinesen haben aber ein ganz entscheidendes Problem: Solange sie
nur kopieren, solange sie nicht selbst kreativ sind, können
sie keine Marken erzeugen. Eine Marke muss singulär sein. Ein Theater ist auch eine Marke, die aus Kreativität entsteht.
Man holt sich einen schillernden Intendanten, hervorragende Schauspieler,
für das Orchester den besten Ersten Geiger, den man bekommen
kann. Man versucht also auch, eine Marke, eine Singularität
zu schaffen. Das ist ein ganz normaler ökonomischer Vorgang.
Deshalb ist Wettbewerb gerade für diese kulturelle Experimentierphase
so ungemein wichtig.
O&T: Auch Wettbewerb zwischen den Theatern?
Blum: Ja, und auch der Wettbewerb innerhalb des Theaters um die
bessere Idee. Ein guter Intendant muss sich immer fragen: Kann
ich es besser? Kriege ich aus der Mannschaft mehr heraus? Kann
ich sie über eine Grenze führen? Das ist doch das, was
in einem Theater oder einem Orchester ständig vorexerziert
wird.
O&T: Würden Sie sagen, dass wirtschaftliche Kreativität
von der kulturellen Kreativität lernen kann?
Blum: Das ist eigentlich immer so gewesen. So hat August der
Starke Sachsen wirtschaftlich kreativ gemacht, indem er es erst
einmal
kulturell kreativ gemacht hat.
O&T: Heißt das, die Chinesen müssen erst einmal
Theater bauen, bevor sie Marken entwickeln können?
Blum: Ich glaube, sie sind an vielen
Stellen auf einem guten Weg. In Europa haben wir durch den Welthandel
einen zentralen Wettbewerbsimpuls
mit der kleinen Globalisierung erlebt. Bei uns im mitteldeutschen
Raum hat die Reformation Entscheidendes verändert. Sie hat
etwas erzeugt, was die Menschheit zu der Zeit noch nicht kannte:
nämlich den Wettbewerb ums Hirn. „Cuius regio, eius
religio“ ist nichts anderes als Humankapitalwettbewerb – ein
Wettbewerb der damaligen Fürsten um die besten Köpfe.
O&T: Aber wie konnte der Fürst
es bewerkstelligen, seine Region attraktiv genug zu gestalten,
um diese Köpfe zu bekommen?
Blum: Indem er Bildungseinrichtungen
schuf und den Wettbewerb förderte.
Auch in den Theatern wurde experimentiert. Die Frage, die sich
heute immer wieder stellt, ist: Scheitern wir an manchen Stellen ökonomisch,
weil wir zu wenig in die Kultur investiert haben? Wie stark müssen
wir heute den generationenlangen Vorlaufcharakter der Kultur betonen?
Ist der Wettbewerb immer zunächst ein kultureller, damit er
in der weiteren Phase überhaupt ökonomisch stattfinden
kann?
O&T: Wie erklären Sie sich, dass die aktuelle Entwicklung
eine andere Richtung einschlägt? Dass Zuschüsse an Kulturinstitutionen
zurückgefahren werden – angeblich aufgrund der wirtschaftlichen
Probleme?
Blum: Man muss dazu immer sagen,
dass wir über Peanuts reden.
Die gesamten Kulturkosten in Deutschland machen weniger als ein
Prozent des Sozialproduktes aus, sie sind also vernachlässigbar.
Die Frage ist: Wie sieht sich der Kultursektor selbst als Teil
des Gesellschaftssystems? Hier sehe ich die erste große Schwierigkeit.
Dann haben wir eine völlig schiefe Besoldungsstruktur in den
Kulturinstitutionen. Diejenigen, die das größte Risiko
tragen, bekommen die geringste Bezahlung. Sie sind fast prekär.
Der Handwerker, der hinten mit seinem Hobel die Kulisse baut, wird
vom Tarifvertrag der Länder alimentiert und ist unkündbar.
In keinem Sektor der Wirtschaft haben wir eine vergleichbare Situation.
Das hat die Gewerkschaft toll hingekriegt.
Darüber hinaus muss man sagen, dass der durchschnittliche
Kulturschaffende seine Mission in der Gesellschaft nicht erfüllen
kann. Er begreift sich oft als Subventionsbezieher, möglicherweise
mit Anspruchshaltung. Seine Mission besteht aber zunächst
darin, Menschen für die Sache zu begeistern, sie davon zu überzeugen,
dass der Mensch ohne Kultur praktisch nichts ist. Somit stellt
sich die Frage, wie viel jemand an kulturellen Grundlagen der Menschheit,
an Zivilisation, an Bildung in der Erziehung mitbekommen muss,
damit er handlungsfähig wird. Heute werden eher religiöse
und kulturelle Analphabeten erzogen, die überhaupt nicht in
der Lage sind, den gesellschaftlichen Anforderungen vor einem multikulturellen
Hintergrund, auf den sie immer öfter stoßen, zu genügen.
O&T: Was müsste sich denn am aktuellen Bildungssystem ändern?
Blum: Kultur hat etwas mit Werten und mit Bildung zu tun. Ausbildung
hat etwas mit Verwertung zu tun. Inzwischen bilden wir die Menschen
nicht mehr, sondern wir bilden sie für die Verwertung aus.
Das ist auch eine Frage der Leitkultur, über die wir in Deutschland
ja nicht reden. In Frankreich oder im französischen Kanada
zum Beispiel finden Sie so etwas: Man erzieht dort den Citoyen
für den öffentlichen
Raum.
O&T: Es geht also um eine gesellschaftliche
Identifikation in sich selbst…
Eigene Verantwortung
Blum: Ja, und die ist natürlich in Deutschland ausgesprochen
schwierig wegen unserer Vergangenheiten. Die Grundlagen müssten
in den Schulen gelegt werden, aber das tut keiner. Die bildenden
Fächer werden zugunsten von Mathematik zurückgedrängt.
Das kann ich verstehen, weil Mathematik bekanntlich wichtig ist,
aber ohne Kreativität ist Mathematik gar nichts.
Ich glaube, dass sich die Kulturschaffenden mal selber an ihrer
Krawatte nehmen und sich die Frage stellen müssen: Haben wir
nicht die Kultusminister oder die Abgeordneten, die wir verdienen,
weil wir niemanden mehr vom Wesen unserer zentralen Position überzeugen?
Und eben auch davon, dass es sich hier um langfristige Prozesse
handelt, die nicht in einer Wahlperiode aufgehen. Wir müssen
in Vorleistung für die nächste Generation treten. Die
Generationsbilanz ist nicht nur eine Sozialversicherungsbilanz,
sondern auch eine Kulturbilanz. Wir verbrennen da gerade Erde.
O&T: Der neue GMD Antony Hermus in Dessau steht für solche
Positionen. Er begeistert die Menschen. Vielleicht ermöglicht
er es, den Standortfaktor Kultur auch wieder gesellschaftsfähig
zu machen und die Werte zu vermitteln, die die Kultur für
die Gesellschaft schafft. Es ist vielleicht gerade auch das kreative
Spiel, das neue Wege eröffnet.
Blum: Klar. Ich glaube, hier wird
der Vorleis-tungscharakter offensichtlich. Er muss aber viel mehr
verdeutlicht werden. Das bedeutet auch,
dass ich zum Beispiel die Kindergärten und Schulen wirklich
in die Theater und in die Konzerte „prügeln“ muss.
Für meine Begriffe ist es völlig klar, dass wir in unserer
eigenen Lebenswelt ohne Kultur nicht auskommen können. Deshalb
darf die Finanzierung der Kultur ebenso wenig eine Frage sein wie
die der Grundlagenforschung. Der Ökonom bringt das auf eine
ganz einfache Aussage: Wir brauchen Kultur, um die Transaktionskosten
des Handelns zu senken. Ohne Vertrauen funktioniert kein Markt,
keine Gesellschaft. Wir brauchen Routinen, die Vertrauen begründen,
wir brauchen Routinen, die, wenn Vertrauen verloren gegangen ist,
dieses erneut begründen. Wir brauchen Routinen, die den Leuten
Transzendenz eröffnen, dass sie hinreichend langfristig denken.
Das geht ohne Kultur gar nicht.
Kultur und Wirtschaft
O&T: Das heißt, der Ökonom ist eigentlich der beste
Kulturpolitiker.
Blum: Der Ökonom sagt vielleicht: Ich brauche das Museum nicht.
Aber es ist ein Optionsgut, ich kriege es nie mehr zurück,
wenn es einmal eingestampft worden ist. Ich leis-te mir kein Theater
in Dessau, weil ich es aus Halle ständig besuchen möchte,
sondern weil ich weiß: Wenn es einmal weg ist, wird es nie
wieder so hingebaut werden. Das ist genau wie bei einer Versicherungsprämie,
wenn ich mir eine Haftpflichtversicherung zulege. Ich möchte
ja auch nicht, dass der Blitz einschlägt. Aber wenn es doch
passiert, möchte ich abgesichert sein.
O&T: Was können die Beteiligten
tun, um der Gefahr einer möglichen endgültigen Schließung
des Kulturstandortes Dessau entgegenzuwirken?
Blum: Ich glaube,
es gibt zwei Dinge zu tun. Das erste betrifft
die unmittelbare Außenwirkung. Es gibt eine gemeinsame Tradition,
die mit zwei Standorten verhaftet ist und stärker nach außen
getragen werden muss. Es kann sein, dass das ein sehr guter Marketingeffekt
ist und man dabei sogar durch Verbesserung der Leistungsfähigkeit
wirklich überregionales Publikum zusätzlich anzieht.
Das zweite ist: Wir müssen eine Koalition mit den Bildungspolitikern
hinbekommen. Wenn ich mir anschaue, wie oft wir als Kinder früher
im Kindertheater waren, war das beachtlich. Das passiert heute
viel weniger oder gar nicht mehr. Dann braucht man sich auch nicht
zu wundern: Wenn man die jungen Menschen in der Kindheit nicht
begeistert, werden sie als Erwachsene nicht mehr als Kunden auftreten.
Das ist ein langanhaltender Erziehungsprozess. Der Mensch ist Kulturobjekt
und Kultursubjekt zugleich.
Theater kann man nicht gesundschrumpfen, weil das Gesundschrumpfen
irgendwann einer Implosion gleicht. Irgendwann ist man im schwarzen
Loch. Das werden wir merken, wenn wir nicht rechtzeitig gegensteuern.
Damit muss man schon in der Altersklasse der Unter-Zehnjährigen
beginnen. Ich glaube, das ist den Schweiß des Gerechten wert.
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