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Mitleid mit dem Vergewaltiger
Kaija Saariahos „Adriana Mater“ in Osnabrück · Von
Christian Tepe Der Mensch ist das Wesen, das vom Glück träumt. Die
Kunst der Moderne hat sich dieser Träume angenommen, indem
sie den Schmerz über die von der Realität verweigerte
Erfüllung ausdrückt. In Opern wie Bergs „Wozzeck“ oder
Zimmermanns „Die Soldaten“ erscheint das Gedächtnis
des versagten Glücks als Klage und Trauer über das Nichtsein
des Möglichen. „Das ist das Geheimnis der ästhetischen
Sublimierung: Erfüllung als gebrochene darzustellen“,
charakterisierte einst Adorno den Geist der Moderne, ihr Ideal
der Schwärze.
Gegen diese Kunstdoktrin und ihre kompositorischen Restriktionen
regt sich nicht erst seit heute Widerstand. Auch die Komponistin
Kaija Saariaho wehrt sich gegen solche Verbote, wagt den Tabubruch
unter umgekehrten Vorzeichen, wenn sie für Tonschönheit,
offene Emotionalität und freizügige Sinnlichkeit in der
Musik plädiert. In ihrer 2006 in Paris uraufgeführten
und in diesem Jahr vom Theater Osnabrück als deutsche Erstaufführung
zur Diskussion gestellten Oper „Adriana Mater“ umspannt
dieser ästhetische Paradigmenwechsel nicht allein die Musik,
sondern auch den Gehalt des Librettos von Amin Maalouf. Adriana
wird im Krieg von einem flüchtigen Bekannten aus Friedenszeiten,
dem Soldaten Tsargo, vergewaltigt. Die daraufhin schwangere Adriana
entscheidet sich gegen eine Abtreibung. Als ihr Sohn Yonas später
von dem Verbrechen erfährt, das seiner Zeugung zugrunde liegt,
beschließt er, die Mutter zu rächen und seinen Vater
zu töten. Doch bei der finalen Begegnung zwischen Vater und
Sohn ist Yonas außerstande, den inzwischen erblindeten
Tsargo umzubringen. Damit aber ist dem unerbittlich erscheinenden
Gesetz der Gewalt ein Ende bereitet: „Wir sind nicht gerächt,
Yonas, aber wir sind gerettet“, resümiert Adriana in
den Armen ihres Sohnes.
Ein derartig ostentativ erhobener ethischer Anspruch scheint das
Stück von vornherein gegen jedwede Kritik zu immunisieren.
Und doch überzeugt Saariahos Erlösungs-oper nicht. Zu
offenkundig ist die Unfähigkeit der Komponistin, das musikalische
Potenzial ihrer Einfälle richtig einzuschätzen. Sie unterlegt
die Handlung mit den enervierend langatmigen Klangteppichen ihres
musikalischen Pointillismus, durchbrochen von ein paar heftigen
Eruptionen. Dann schlägt die dynamische Amplitude weit aus,
doch Gefühlsqualitäten sind nicht zu hören. In ihren
theoretischen Verlautbarungen singt Saariaho gerne das Hohelied
der Emotionalität in der Kunst, ihre Klangsprache in „Adriana
Mater“ bleibt dagegen trotz des gigantischen Aufwands für
Chor und Riesenorchester blass-abstrakt und kühl bis ans Herz
hinan. Gewiss, man kann sich einbilden, in dem unaufhörlichen
Tröpfeln der Sekundintervalle den Nachhall der inneren Verzweiflung
der geschändeten Adriana zu vernehmen. Doch kaschiert das
keinesfalls die Indifferenz einer Musik, die ohne weiteres auch
einem ganz anderen Sujet dienen könnte, so sehr steht hier
Saariahos Faible für das kulinarische Aushorchen einer in
vielerlei Grau- und Silbertönen schimmernden Orchestrierung
im Vordergrund. Das beklemmende Thema der sexualisierten Gewalt
im Krieg wird damit in seiner Unerträglichkeit ästhetisierend
umgebogen und zum bloßen Vorwand für die Ausbreitung
eines sich völlig autistisch gebärdenden Klangmaterials
herabgewürdigt.
Das alles ändert nichts an der hohen Qualität der musikalischen
Umsetzung. Besonders die schönen Kantilenen für Adriana
(glutvoll intensiv: Merja Mäkelä) und Yonas (Bernardo
Kim mit auch in der Höhe zentriertem und ausladendem Tenor)
scheinen direkt aus Debussys „Pelléas und Mélisande“ in
Saariahos Partitur herübergeweht worden zu sein. Zwischen
vokalem Melos, Flüstern, Ächzen und Stöhnen variiert
die oft instrumentale Behandlung des Chores – technisch intrikate
Klippen für die Stimmen, die von den Sängerinnen und
Sängern (Choreinstudierung: Holger Krause) bravourös
bezwungen werden. Saariaho hat eine ausgeprägte Schwäche
für das Verschmelzen von Tönen ohne deutliche Konturen.
Umso mehr war Generalmusikdirektor Hermann Bäumer als umsichtiger
und präziser Synchronisator gefordert.
Der bei weitem schwierigste Part dieser Produktion wurde Regisseurin
Andrea Schwalbach zugemutet, denn im Szenischen wird das Desinteresse
des Teams Saariaho/Maalouf an einer wahrhaftigen künstlerischen
Auseinandersetzung mit dem Stoff besonders greifbar. Schwalbach
lässt den kruden Plot, der einer Verhöhnung der Utopie
der Gewaltlosigkeit gleichkommt, in einer experimentellen, dem
Dokumentarspiel ähnlichen Anordnung aufgehen, in die auch
der Chor und das auf der Bühne platzierte Orchester integriert
sind. Das ermöglicht aufschlussreiche Verwandlungen, so, wenn
aus den Teilnehmern des die Geschehnisse zunächst rückblickend
aufarbeitenden Tribunals unvermittelt tatenlose Zuschauer der sich
anbahnenden Vergewaltigung werden. Dennoch bleibt der Versuch,
eine intellektuelle Kopfgeburt wie „Adriana Mater“ auf
die Bühne zu stemmen, zum Scheitern verurteilt.
Christian Tepe
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