
Einst war das Theater ein zentraler gesellschaftlicher
Treffpunkt. Ein Ort der Belehrung und Unterhaltung aller sozialer Klassen. „Show“ wurde
nicht nur auf der Bühne geboten. Die Zuschauer kommentierten
lebendig und teils lautstark das Bühnengeschehen. Im „Olymp“,
wie bei „Les enfants du paradis“ so eindrucksvoll dargestellt,
wurde sogar gefressen, gesoffen und gehurt. Beste Unterhaltung
also. Die Frage, wie die Auslastung der Häuser zu steigern
war, stellte sich nicht. Die Theater waren voll.
In Zeiten der Konkurrenz durch Funk, Fernsehen,
Internet und all die anderen Medien hat das Theater diese Zentral-Position
verloren.
Dennoch sollte neben der Investition in den Erhalt der kulturellen
Vielfalt als „Vorleistung für die nächste Generation“,
wie im Interview mit dem Wirtschafts-Professor Ulrich Blum dargestellt
(S. 7/8), auch daran gearbeitet werden, für die aktuelle Generation
attraktiv zu sein. Es geht zunächst darum, den potenziellen
Zuschauer wieder zu erreichen, wieder „hip“ zu werden.
Neue attraktive Formate müssen her, um das bisher ungenutzte
Zuschauerpotenzial wieder mit dem Theater zu identifizieren und
so auch wieder Interesse und Sensibilität für die klassischen
Formate zu wecken. Sei es eine Opera Lounge in der Deutschen Oper Berlin, die in
drei zwanzigminütigen Einlagen Ausschnitte zu bestimmten Opernthemen
in chilliger Atmosphäre mit DJ-Begleitung zeigt (im Übrigen
hoffnungslos ausverkauft). Sei es der öffentliche Flashmob
von Tänzern des Staatsballetts im Hauptbahnhof. Oder Projekte
wie die des britischen Dirigenten Simon Halsey („Es wächst
eine Generation heran, die viel von Computern und Popkultur versteht,
aber nichts von klassischer Musik. Man muss die Musik wieder zu
den Menschen bringen.“). Halsey entwickelt als Leiter des
Rundfunkchores Berlin Projekte, bei denen Amateure mit Profis singen
- oder er bringt im Rahmen von „SING“ Chormusik ins
Zentrum des Grundschul-Unterrichts. Vielleicht
brauchen wir auch einfach einen Theater-Guru, der
vor dem Hintergrund sinkender Zuschüsse das Problem der mangelnden
Nachfragebereitschaft des Publikums ausgleicht? Kann dem Patienten
Theater mit der Allheilwaffe Yoga auf die Sprünge geholfen
werden? Wir berichten in diesem Heft über Yoga. Und in der
vorletzten Spiegel-Ausgabe wurde die Erfolgsgeschichte des Yoga-Guru
Bikram erzählt, der mit Yoga in auf über 40 Grad aufgeheizten
Räumen Millionen Anhänger gewinnt und zum internationalen
Star mit einem weltweit wachsenden Yoga-Imperium geworden ist.
Also Klimaanlage abgeschaltet und den Theater-Guru herbeigerufen?
Die Antwort der pragmatischen Kulturpolitik folgt auf
der Stelle:
Anlässlich des Theatertreffens in Berlin sagte Kulturstaatsminister
Bernd Neumann jüngst in seiner Eröffnungsansprache, auch
in Krisenzeiten stehe man zu allen 150 öffentlich geförderten
Theatern. Dies sei seine feste Überzeugung. Denn sie seien
Leuchtpunkte: „Wir brauchen sie alle.“ Neumann statt „Guru“? Gerrit Wedel
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