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Ein Fundament für die Liebe zur Musik
Ein Porträt des Kinderchors Leipzig · Von Barbara Lieberwirth Kinder üben auf der Opernbühne eine bezaubernde Wirkung
auf das Publikum aus. Ob sie solistisch oder im Chor auftreten,
immer markieren Jugend- und Kinderstimmen Glanzpunkte einer Opernaufführung.
Die meisten Musiktheater verfügen heute über einen Kinderchor,
sei es in Zusammenarbeit mit städtischen und schulischen Kinderchören
oder bestenfalls als eigenes Ensemble. Meist kommt der Kinderchor
in Repertoirestücken zum Einsatz, zum Beispiel in „Hänsel
und Gretel“, in „Boris Godunow“, in „Tosca“ oder „Carmen“.
An der Oper Leipzig hat der Kinderchor jedoch weitaus mehr Aufgaben
zu bewältigen.
Regelmäßig Eigenproduktionen
Der seit 1990 fest zum Opernhaus gehörende Chor bereichert
seit seiner Gründung ein- bis zweimal jährlich den Spielplan
mit Eigenproduktionen. Kinder inszenieren hier für Kinder;
eine Seltenheit in der deutschen Musiktheaterszene. Bereits die
erste Leiterin des Chores, Anne-Kristin Mai, erkannte das Potenzial
der Kinder. Mit der Angliederung des Kinderchores der städtischen
Singschule an das Opernhaus begab sich Mai auf ein gut vorbereitetes
Feld. Da die meisten Opernaufführungen nicht mehr als 40 Kinder
beanspruchen und sie jedem der jungen Sänger das fortwährende
Studium einer Rolle mit anschließender öffentlicher
Darbietung ermöglichen wollte, gründete sie 1991 die
Reihe „Zu Gast beim Kinderchor der Oper Leipzig“. In
Zusammenarbeit mit der Leipziger Hochschule für Musik und
Theater, der Leipziger Musikschule und der heute nicht mehr existierenden
Ballettschule kamen so bis zum Ausscheiden von Anne-Kristin Mai
im Jahr 2002 17 Produktionen auf die Bühne. 2005 übernahm nach einer Interimszeit die Dirigentin und
Pädagogin
Sophie Bauer die Leitung des Kinderchores. Ihr ist eine enorme
Aufbauarbeit zu verdanken, übernahm sie doch einen Chor, der
innerhalb von 3 Jahren auf 20 Mitglieder geschrumpft war. Das Ensemble
umfasst heute 180 junge Sänger, die sich in 5 Altersstufen
aufteilen; von den 4- bis 5-jährigen „Opernmäusen“ bis
hin zum Jugendchor. Ab der zweiten Klasse erhalten die Kinder auch
Tanzunterricht, eine wichtige Voraussetzung für den Einsatz
im abendlichen Opernbetrieb. Bauer setzt die Tradition der Eigenproduktionen
ihrer ehemaligen Lehrerin
Anne-Kristin Mai fort. Vor knapp einem Jahr feierte das Kinder-
und Jugendchorprojekt „Monsieur Mathieu, was wird?“ an
der Oper Leipzig Premiere, anschließend wurde es mit dem „junge
ohren preis“ des „netzwerks junge ohren“ ausgezeichnet.
Die jüngste Produktion, das musikalische Abenteuer „Was
wäre wenn...“ hatte im März Premiere. Auf das Stück
haben sich die Kinder ein Jahr lang intensiv vorbereitet. Ausgangspunkt
für die Konzeption waren die Überlegungen der beiden
Initiatoren Anett Seidel und Stefan Ebeling, wie Kinder in unserer
leistungsorientierten Gesellschaft mit den Sorgen des Alltags,
mit Stress und mit oft von Erwachsenen vorgegebenen Rastern umgehen
können. Inspiriert von Jean Liedloffs ethnologischer Reportage „Auf
der Suche nach dem verlorenen Glück“ haben die beiden
Regisseure den Chorkindern folgende Frage gestellt: „Was
wäre, wenn ihr morgen aufwacht und alles um euch herum hätte
sich verändert?“ Freilich regt solch eine fiktive Situation
die Phantasie der Kinder an und es kamen die vielfältigsten
Folgefragen zu „Was wäre, wenn...“: „...
ich eines Tages ganz allein auf der Welt wäre?“, „...
meine beste Freundin nicht existieren würde?“, „...
mich eines Tages niemand mehr versteht?“, „... es keine
vier Jahreszeiten mehr gäbe?“, „... es weder Raum
noch Zeit gäbe?“ oder auch „... ich eine Verwandte
von Marilyn Monroe wäre?“ und „... man auf dem
Saturn leben könnte?“. Viele Fragen bedeuten viele Antworten,
die es im Rahmen einer Handlung in Szene zu setzen galt.
Eine Geschichte musste erfunden werden: Mathilda (Anna Milena
Merrem), ein Mädchen unserer Zeit, wird während eines Familienurlaubs
in den Tiefen unerforschter Urwälder durch ein tragisches
Unglück zur Vollwaise und findet sich plötzlich in einer
fremden Welt wieder. Nichts ist hier vergleichbar mit der gewohnten
Umgebung des Mädchens. Mitten im Dschungel trifft sie auf
Menschen, deren Sprache sie nicht versteht und es ist ihr fremd,
dass diese Menschen in einer Welt leben, in der Harmonie und Natur
den Lebensrhythmus bestimmen. Jagen und Fischen sichern den Lebensunterhalt.
Die Kinder spielen mit Dingen, die sie vom Wald geschenkt bekommen.
Hier gibt es keinen Streit, keine sozialen Unterschiede, keine
Medien, keine technischen „Errungenschaften“. Zwei
Jahre lang soll Mathilda hier leben und Teil der Dschungelgemeinschaft
werden. Sie findet Freunde, das Mädchen Samahiisa (Lula Plankl)
und den Jungen Yamori (Emilian Tsu-baki). Als eines Tages ein Jagdunfall
passiert, gerät die heile Welt aus den Fugen. Um Yamoris schwere
Verletzung zu behandeln, müssen die drei Freunde den Dschungel
verlassen. In Richtung Stadt, zurück in Mathildas Welt.
Hier ergeht es den Dschungelkindern ebenso wie anfänglich
Mathilda in den Tiefen des Urwaldes. Alles ist anders und ungewohnt.
Yamori wird operiert, die drei Freunde werden in der Familie von
Mathildas Tante aufgenommen, hier starten sie in das überorganisierte
Alltagsleben einer modernen Gesellschaft. Mit all ihren Vor- und
Nachteilen. Am Ende entscheiden sich Mathilda und Samahiisa, zurück
in den Wald zu gehen. Yamori hingegen bleibt in der neuen Welt. Kostüm-Phantasien
Der Anteil des Kinderchores an der Entwicklung und Umsetzung
dieser Geschichte war erheblich. Die jungen Sänger brachten Texte
ein und entwarfen gemeinsam mit dem Modeatelier Baldauf & Lenk
die vielfältigsten Kostüme. Dominierten bei den Dschungelkindern
bescheidene erdfarbene Kostüme, so waren der Kreativität
beim Entwerfen der Stadtkinder-Kostüme keine Grenzen gesetzt.
Alles konnte verarbeitet werden, um die Ideen der Kinder zu verwirklichen.
Jede Szene wurde durch Kostümgestaltung akzentuiert. Auch
die einfallsreiche Choreografie war von besonderer Bedeutung, da
das Stück ohne Bühnenbild auskommen musste. Alle Gegenstände,
vom Baumstamm bis zur Hochhaussilhouette wurden choreografisch
durch die Kinder dargestellt.
Die künstlerische Gesamtleitung lag in den Händen von
Sophie Bauer. Gemeinsam mit ihr lernten die Kinder die Chormusik
der englischen Renaissance kennen. Lieder wie „Greensleeves“ und
Chorsätze von John Dowland, John Bennett und Thomas Morley
charakterisierten die Dschungelwelt. Und die Lieder der Stadtwelt?
Aus dem iPod dröhnt „I feel good“ von James Brown,
Lady Gagas „Pokerface“ stampft in der Disko, „Guantanamera“ erklingt
als wohlgefällige Kaufhausmusik. Selbstverständlich
wurden hier nicht die Originale eingespielt, der Kinderchor interpretierte
Arrangements von Chris-toph Göbel. Den Rhythmus der Stadt
haben die Kinder zusammen mit Maria Hinze in spezielle Rhythmuscollagen übertragen
und auch hier wurden voller Körpereinsatz und Konzentration
verlangt.
Insgesamt viermal wurde „Was wäre wenn...“ aufgeführt.
Das Publikum, größtenteils Schüler, honorierte
jede ausverkaufte Vorstellung mit viel Applaus und nicht selten
gingen die Kinder mit neuen Fragen aus der Vorstellung heraus.
Eine Ruhepause wurde dem Kinderchor der Oper Leipzig danach nicht
gegönnt. Die Proben zur Märchenoper „Die arabische
Prinzessin oder Das wiedergeschenkte Leben“ nach Musik von
Juan Crisostómo de Arriaga haben gleich nach „Was
wäre wenn...“ begonnen. Das Stück, ursprünglich
als erstes Opernprojekt der Barenboim-Said Foundation im September
2009 in Ramallah aufgeführt, vereinigte dort palästinensische
und israelische Kinder in einem schöpferischen Prozess.
Zur europäischen Erstaufführung am 20. Mai sind 100 Kinder
und Jugendliche des Kinderchores der Oper Leipzig und Schüler
der Freien Grundschule „Clara Schumann“ auf der großen
Bühne zu erleben. Und wenige Tage später stehen die kleinen
Sänger wieder als Chor der Kindersoldaten in Paul Dessaus
und Bertolt Brechts „Deutschem Miserere“ vor dem Publikum
der Leipziger Oper (s. auch Pressespiegel, S. 20). Welch ein Wechselbad!
Das ist Theater und gleichzeitig Schule fürs Leben. Barbara Lieberwirth |