
Vorwärtskommen ohne direktes Ziel
Ein Gespräch mit der Chorsängerin und Yoga-Lehrerin Katharina
Malu Peters Katharina Malu Peters hat in Frankfurt Gesang studiert und erhielt
gleich nach der Abschluss-prüfung ein Engagement als Opernchorsängerin
am Theater Ulm. Inzwischen singt sie dort ihre 25. Saison. „Ich
wollte nie etwas anderes sein als Chorsängerin“, sagt
sie – aber sie genießt es auch, dass sie als Chorsolistin
immer wieder mal „die Nase hinausstrecken“ kann. Irgendwann
begann sie darüber nachzudenken, noch etwas anderes zu tun
als „nur“ zu singen. So kam sie auf die Idee, sich
mit Yoga zu beschäftigen. Inzwischen lernt sie nicht mehr
nur, sie lehrt auch: Zahlreiche ihrer Sänger- und Tänzerkollegen
am Ulmer Theater besuchen bei ihr Yoga-Kurse – und sind begeistert.
Barbara Haack sprach für „Oper & Tanz“ mit
Katharina Malu Peters über das, was am Yoga erklärbar
ist.
Oper & Tanz: Sie beschäftigen sich seit einigen Jahren
sehr intensiv mit Yoga. Kann man mit Worten überhaupt fassen,
was das ist?
Katharina Malu Peters: Der Begriff „Yoga“ wirft natürlich
viele Fragen auf. Im Grunde handelt es sich um etwas, das man nicht
wirklich gut beschreiben kann. Man kann es letztlich nur so definieren:
Ziel ist das Eins-Sein mit dem Göttlichen. Dabei ist das Göttliche
nicht irgendetwas, das außerhalb herumschwirrt, sondern etwas,
das man in sich selbst zu erfahren versucht. Dieses Eins-Sein ist
eine Entwicklungsstufe auf dem Yoga-Pfad. Als Schülerin konnte
ich erleben, dass es nicht darum geht, irgendwelche Verrenkungen
zu machen oder möglichst abstruse Haltungen lange beizubehalten.
Es geht darum, dass der Körper in tiefer, stiller Meditation
so lange sitzen kann, dass er seinen Geist beruhigt, dass der Geist
sich ganz zurückziehen kann, dass die Gefühle sich nach
innen wenden, dass man einen Zustand der Kontemplation erreicht,
der es der Seele ermöglicht, zum Vorschein zu treten.
O&T: Sind alle Menschen, die
zu Ihnen kommen, bereit, sich auf eine solche geistige Ebene einzulassen? Peters: Ich lasse ihnen keine andere
Chance.
O&T: Am Anfang gibt es aber
sicher Hemmschwellen.
Peters: Ja, aber das hängt sehr stark von der Authentizität
des Lehrenden ab. Ich selbst bin auch erst auf dem Weg. Aber ich
kenne das Ziel. Die erste Viertelstunde üben wir sitzen, den
Geist zu beruhigen, den Atem erfahrbar zu machen. Damit wird sogleich
die Essenz des Yoga klar. Die erste Viertelstunde steht für
absolute Konzentration und Ruhe. Da kommt man sofort in Kontakt
mit sich selbst, auch mit Widerständen, mit Gedanken wie „Ich
kann das nicht“, „Ich will das nicht“, „Ich
halte das nicht aus“. Das ist der Yoga-Weg. O&T: Was ist der Unterschied zu anderen Atem- oder Körperübungen?
Woher kommt Yoga?
Peters: Der Yoga ist einer der ältesten Wissenschaften. Er
hat sich immer weiterentwickelt. Die Lehren basieren auf dem Tantrismus,
der 3500 vor Christus entstanden ist. O&T: Ist das eine Art Religion
oder eher eine Geisteshaltung?
Peters: Beides. Der Tantrismus
ist vielleicht eine Form der Erforschung des Menschen in seiner
Gesamtheit. Was
ist Seele, was ist Körper,
was ist Geist? Tantrismus bezieht sich auf den Körper und
auf die Befreiung des Körpers von Schmerz, Leid und Sorge.
O&T: Wie sieht eine Yoga-Stunde
bei Ihnen genau aus?
Peters: Der Yoga-Unterricht beginnt in der
Stille, in einer Sitzposition, die für jeden angenehm sein muss. Die Augen sind geschlossen,
die Hände zu einem Mudra, einer Fingergeste, geformt. Danach
wird die Wirbelsäule aufgerichtet. Nach der Wahrnehmung der
zwei Pole – die Sitzposition ist die Basis nach unten, die
uns erdet, der Scheitel strebt nach oben in den freien, weiten
und unendlichen Raum – folgt meistens eine vorbereitende
Atemübung, die den Atem im Körper bewusst und spürbar
werden lässt. Dann beginnt man damit, die Atembewegungen zu
beobachten und versucht, die Gedanken beim Atem zu halten. Unser
Geist ist so beschaffen, dass die Gedanken unruhig sind. Man versucht
also, sie achtsam wieder zurückzuholen. Es ist einfach nur
ein Augenblick des So-Seins. Ein schwieriger Moment, denn alle
bringen von irgendwoher irgendetwas mit, haben auch irgendwo irgendwann
noch etwas vor. Jeden Tag bestimmt auch ein individuelles Empfinden,
mit dem man sich in dieser Viertelstunde auseinandersetzen muss.
Das ist wirklich nicht leicht. Aber das ist das Ziel des Yoga.
Nach dieser Viertelstunde gibt es „Flows“ oder leichte Übungen.
Körper und Wirbelsäule werden mobilisiert. Atem und Bewegungen
werden dabei im günstigsten Fall miteinander verbunden. Wenn
ich eine Abfolge von verschiedenen Haltungen habe, muss der Atem
in der Ein- und Ausatmung dem folgen können. Geht das nicht,
muss ich die Bewegungen zurückschrauben. Es ist wichtig, dass
im Yoga-Unterricht nicht über-, sondern nur gefordert wird,
dass man sich an Grenzen bringt, aber nicht darüber hinaus
geht; dass jeder noch eine Eigenverantwortung für sich selbst
hat.
O&T: Inwieweit ist Yoga hilfreich,
körperliche Probleme
zu überwinden oder Probleme, die sich bei Künstlern aus
dem Beruf ergeben? Peters: Sänger empfinden natürlich einen anderen Schmerz
als Tänzer. Sänger haben beim Sitzen größere
Probleme oder dabei, Bewegungssituationen gut durchzustehen. Dabei
empfinden sie oft Schmerz oder etwas, was sie an ihre Körpergrenzen
bringt. Tänzer haben große Probleme, sich zu entspannen,
den Tonus aus den Muskeln loszulassen, sich hinzugeben. Das sind
zwei ganz unterschiedliche Aspekte. Schmerz wird unterschiedlich
wahrgenommen.
Die Tänzer haben natürlich mit den Yoga-Haltungen oder
Bewegungssituationen keinerlei Schwierigkeiten. Es ist eher so,
dass sie lernen, sich nicht zu überdehnen, sondern so in ihren
Körperformen zu bleiben, dass auch die Verletzungsgefahr niedriger
wird. Und sie lernen natürlich in der Yoga-Tiefenentspannung,
sich überhaupt erst einmal an den Körper, an den Boden
abzugeben.
O&T: Heißt das, dass Sie in Ihrer Stunde ganz individuell
auf die einzelnen Menschen eingehen? Peters: Natürlich gehe ich herum, korrigiere und weiß auch
um die Schwachpunkte jedes Einzelnen. Im Yoga wird jeder genau
da abgeholt, wo er gerade im Moment ist. Ich habe auch Tenöre
mit dickem Bauch in meinem Kurs. Die sind körperlich in einer
ganz anderen Situation als die Tänzer. Trotzdem sind sie in
der gleichen Gruppe. Ich mache kein akrobatisches Yoga, bei dem
diejenigen ausgeschlossen wären, die etwas nicht können.
Ich mache allerdings ein sehr kraftvolles Yoga. Das wird auch gewünscht. Letztendlich ist jede Tätigkeit, die man ganz und gar macht,
Yoga: Kann man sich völlig in eine Situation versenken, in
das, was man gerade tut, dann ist das Yoga.
O&T: Heute sind die Menschen
daran gewöhnt, Dinge sehr
ziel- und zweckgerichtet zu tun. Beim Yoga geht das anscheinend
nicht so einfach. Man kann nicht einfach fragen: Welches sind die
Ergebnisse, und wie lange dauert es, um sie zu erzielen.
Peters: Aber genau das wirkt befreiend.
Alle sehen sich hier auf einem Weg. Er hat irgendwo angefangen
und wo er endet,
weiß man
nicht. Es gibt kein direktes Ziel. Als ich einmal nach der Motivation
meiner Teilnehmer gefragt habe, habe ich festgestellt, dass es
in den Menschen eine Sehnsucht gibt, eine mögliche Leere mit
einer neuen, noch nicht gekannten Form der Geisteserfahrung aufzufüllen.
Sie stellen sich die Frage: Wie begegne ich mir eigentlich mal
selbst? Was ist da, wenn ich mich aus dem Außen zurücknehme?
O&T: Ist eine Änderung im Verhalten der Menschen, die
sich mit Yoga beschäftigen, zu spüren? Peters: Absolut. Man lernt, sich selbst und andere anders wahrzunehmen,
mit sich selbst und anderen respektvoller umzugehen.
O&T: Sie sind selbst Sängerin und Yoga-Lehrerin. Unter
welchen Bedingungen bieten Sie Ihren Unterricht im Theater an? Peters: Über all die Jahre ist es so gewesen, dass ich ein
Teil der Chorgruppe war, aber immer mal als Chorsolistin meine
Nase hinausstrecken konnte. Das hat meinem Ego gut getan. Die Bestätigung über
das Theater und den Applaus ist wunderbar. Ich habe trotzdem irgendwann
etwas gesucht. Letzten Endes hat mich das dann zum Yoga gebracht.
Es war sofort Liebe auf den ersten Blick, genauso wie beim Singen.
Ich habe festgestellt, dass das für mich ein Weg ist, der
mir gut tut und das in mir füllt, was ich suche. Ich habe
außerdem das Gefühl, gut lehren und weitergeben zu können.
Hier in Ulm wurde die Ausbildung zum Yoga-Lehrer angeboten. Allerdings
fand der Unterricht am Wochenende statt. Da haben andere Leute
frei, Chorsänger aber nicht. Ich habe versucht, über
die Gesetzgebung und über die VdO etwas zu erreichen. Es gibt überall
ein Fördergesetz für Weiterbildung, nur nicht in Baden-Württemberg.
Das war also schwierig. Letztendlich habe ich das Gespräch
mit meinem Intendanten, Andreas von Studnitz, gesucht und ihn gefragt,
ob er sich vorstellen könnte, mir das zu ermöglichen.
Er hat sich da sehr großzügig gezeigt: Da es nicht darum
ging, dass ich bei Vorstellungen fehlte, und die Hauptproben auch
ausgeschlossen wurden, hat er sich auf eine Befreiung für
musikalische und szenische Proben eingelassen. Daraufhin habe ich
die Yoga-Lehrer-Ausbildung angefangen. Natürlich war es immer
ein Jonglieren. Aber es war trotzdem kein Problem für mich,
weil es große Energie in mir freigesetzt hat. Nach einem
halben Jahr Ausbildung habe ich dann angefangen, im Theater zu
unterrichten – umsonst.
Seit kurzem bietet die Stadt Ulm ihren städtischen Mitarbeitern
ein Mal im Jahr eine Präventionsmaßnahme an. Dazu bin
ich als Yoga-Lehrerin engagiert worden. Im Moment bekomme ich also
den Kurs von der Stadt Ulm bezahlt. O&T: Sind Sie also Teilzeit-Chorsängerin?
Peters: Nein, ich mache die Kurse
zusätzlich, in meiner Freizeit.
Für die nächste Spielzeit habe ich kurzfristig Teilzeit
beantragt, aber aufgrund des geringen Verdienstes kann ich selbst
von einer Zwei-Drittel-Stelle nicht leben.
Der Stadtkurs in Ulm ist zeitlich begrenzt. Am Theater selbst
gibt es keinen Finanztopf dafür. Wenn die Stadt nicht mehr bezahlt,
dann muss ich für mich und meine Schüler neue Möglichkeiten
suchen.
O&T: Aber Sie haben vor, diese
Kurse weiterhin anzubieten?
Peters: Auf alle Fälle. Es ist wunderschön, wenn man
merkt, dass man die Kollegen ein Stück weit auf einen anderen
Weg bringt. Man lernt sich untereinander ganz neu kennen. Für
die Hochschulen sehe ich es als Pflichtaufgabe, aber auch in den
Theatern halte ich es für extrem wichtig, flächendeckend
Yoga anzubieten. Es kann für den Einzelnen so viel verändern.
Darüber hinaus ist ein geklärterer Umgang mit sich selbst
immer auch ein veränderter Umgang mit anderen. Auch für
das Publikum ist es ein Anreiz zu sehen, dass Menschen auf der
Bühne stehen, die in sich ruhen. Natürlich können
das viele auch ohne Yoga, aber viele merken eben, dass es ihnen
in ihrem Beruf hilft.
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