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Aufbruch in die Moderne
100 Jahre Ballets Russes · Von Vesna Mlakar Obwohl er selbst nie geschrieben, gemalt, komponiert, getanzt
oder choreografiert hat, ist sein Name mit der Kunstentwicklung
im 20. Jahrhundert untrennbar verbunden. Die frühe Einsicht über
die Unzulänglichkeit seiner eigenen künstlerischen Talente
ermöglichte es Sergej Pawlowitsch Diaghilew, einen Weg einzuschlagen,
der in einzigartiger Weise dazu führte, dass ausgerechnet
er – ein Amateur! – die internationale Ballettszene
revolutionieren sollte wie keiner vor und bis heute auch niemand
nach ihm. Sein Werkzeug war eine Tourneetruppe, die er aus Mitgliedern
des St. Petersburger und Moskauer Hofballetts gebildet hatte und
1909 für ein erstes Gastspiel nach Paris schickte. Die folgenden
20 Jahre bewegten sich seine Ballets Russes trotz ihrer weltweiten
Erfolge ständig am Rande des finanziellen Ruins. Und dennoch
legten sie mit einer Reihe von bedeutenden Bühnengesamtkunstwerken
den Grundstein für das moderne Ballett.
Diaghilew wurde am 31. März 1872 in der Kaserne Selischtschew
im Distrikt Nowgorod als Sohn einer adeligen Familie ohne großen
Einfluss geboren. 1890 kam er nach St. Petersburg, um an der Universität
Recht zu studieren, und versuchte sich nebenbei in den Fächern
Gesang und Komposition. Als er drei Jahre später das Erbe
seiner Mutter antreten konnte, ging er auf Reisen. Sein Ziel war
Europa. Nach seiner Rückkehr organisierte Diaghilew – begeistert
von der dortigen malerischen und musikalischen Avantgarde – Kunstausstellungen,
rief die bis 1904 bestehende Zeitschrift „Mir Isskustva (Welt
der Kunst)“ ins Leben und wurde 1899 als „Manager für
besondere Aufgaben“ ins Direktorium der Kaiserlichen Theater
engagiert. Da er zu progressiv war, musste er nach zwei Jahren
wieder gehen. Mäzen aus Leidenschaft
Er bezichtigt sich selbst, ein Scharlatan zu sein, „aber
voller Feuer“, außerdem „ein großer Charmeur,
ein frecher Kerl sowie ein Mensch mit viel Logik und wenig Skrupeln“.
Eine Selbstcharakterisierung, die er mit der Feststellung enden
lässt, seine „wahre Bestimmung gefunden zu haben: das
Mäzenat.“ „Dafür bringe ich alles mit, ausgenommen
Geld – aber das wird kommen!“ Diaghilew entschließt
sich, die Kunst Russlands nach Europa zu exportieren. 1906 stemmt
er im Pariser Salon d’Automn eine Schau russischer Maler
und Bildhauer. Im Jahr darauf präsentiert er eine fünfteilige
Konzertreihe russischer Musik in der Pariser Oper und gastiert
1908 ebendort mit Mussorgskis „Boris Godunov“. Star
ist der schauspielstarke Interpret der Titelrolle Fjodor Iwanowitsch
Schaljapin. Doch nichts reißt die Pariser so vom Hocker wie
die Ballettproduktionen, die Diaghilew ihnen – flankiert
von Rimski-Korsakows Oper „Ivan der Schreckliche“ – am
19. Mai und 2. Juni 1909 vorsetzt.
Das Paradoxe dabei: Wirklich viel hatte der Tausendsassa zuvor
mit Tanz gar nicht am Hut! Dafür aber ein untrügliches
Gespür für Begabungen, deren (nicht ganz uneigennützige)
Förderung und die Zusammenführung von Künstlerpersönlichkeiten
aus unterschiedlichen Sparten. Und genau das kam zum Tragen, als
er während der Sommerpause der Kaiserlichen Theater – dazu
angeregt von seinem Malerfreund und Ballettliebhaber Alexandre
Benois – die erste Saison der Ballets Russes plante. Die
Oper lehnte das Programm ab, worauf man ins Théâtre
du Châtelet auswich und dort den Coup des Jahres landete.
Warum aber konnten die russischen Tänzerinnen und Tänzer
in den Choreografien von Michail Fokin „Le Pavillon d’Armide“, „Les
Sylphides“ (einem reinen ballet blanc zu Musik von Chopin,
später auch „Chopiniana“ genannt), seinen furios-wilden „Polowetzer
Tänzen“ aus Borodins Oper „Fürst Igor“,
dem exotischen Ballett „Cléopâtre“ zu üppigen
Dekorationen von Léon Bakst und einem Divertissement-Potpourri „Le
Festin“ überhaupt derart nachhaltig einschlagen?
In Paris – hier hatte das Ballett seit dem Durchbruch der
Romantik mit Filippo Taglionis „La Sylphide“ seit 1832
Furore gemacht und einen Boom der Starballerinen gefeiert – wie
auch anderswo in Europa war dem klassischen Tanz Ende des 19. Jahrhunderts
im Wettbewerb um immer mehr Virtuosität seine Seele und damit
die Kraft und Sinnhaftigkeit abhanden gekommen. Mit wachsendem
Augenmerk auf die Technik verkam er langsam zu einem akademischen
Wunder aus raffinierten Schritt- und Sprungvariationen, Pirouetten
und Fouettés – mehr Zirkus als Kunst, wobei die Männer
zunehmend vor allem als dekorative Heber, Stützer und Träger
ihrer Partnerinnen fungierten. Neue Wege für den Bühnentanz Als Diaghilew 1909 für die Pariser Debütsaison der Ballets
Russes sein Ensemble zusammenstellte, ernannte er Michail Fokin
(1880-1942) zum Chefchoreografen. Dieser war ein Schüler von
Marius Petipa (1818-1910) – jenem Meister, dem wir die großen
Tschaikowsky-Klassiker „Schwanensee“, „Nussknacker“ und „Dornröschen“ verdanken
und der das zaristische Ballett zur Hochblüte führte.
Sein Bestreben aber war, den Bühnentanz in neue Bahnen zu
lenken. Dank Diaghilew eröffnete sich ihm die Möglichkeit,
seine Reform-ideen in die Praxis umzusetzen und der zum Selbstzweck
degenerierten Virtuosität herkömmlicher Ballettproduktionen
eine größere stilistische und dramatische Einheit entgegenzusetzen.
Fokins konkretes Anliegen bestand unter anderem darin, die verschiedenen
Charaktere in seinen Stücken durch spezifische Bewegungen
zu unterscheiden, wobei der Oberkörper eine ebenso wichtige
Rolle spielte wie die Beine oder Füße. Der Tanz im Sinne
einer dramatischen Aktion sollte dem Sujet, der Zeit und dem Charakter
der Musik entsprechen und sich in der Verbindung mit anderen Künsten
weder Musik noch Ausstattung unterordnen.
Seine Choreografien formten die Basis der Ballets Russes. Bis
1914 entstanden dabei insgesamt 17 Werke, darunter „Le Carnaval“ und „Papillons“ sowie
eine Reihe von Stücken, die sich bis heute im Repertoire gehalten
habenbeziehungsweise von anderen Choreografen neu einstudiert worden
sind: „Le Spectre de la Rose“, „Scheherazade“ (das
Bayerische Staatsballett eröffnete seine Hommage an Diaghilews
Kompanie bereits im Dezember 2008 mit einer ambitionierten Rekonstruktion), „Der
Feuervogel“ (Olaf Schmidt stellte soeben seine Neuinterpretation
in Regensburg vor), „Petruschka“, „Daphnis und
Chloe“ (von John Neumeier 1972 und erneut für die Jubiläumsspielzeit
2009 aufgegriffen), und – als einzige Kooperation der Ballets
Russes mit deutschsprachigen Künstlern – „Josephslegende“. Waslaw Nijinsky: Die Anfänge Unter den Stars der ersten Saison sind Anna Pawlowa, für die
bereits 1905 von Fokin das Solo vom „Sterbenden Schwan“ kreiert
worden war, Tamara Karsawina und ein junger Tänzer, den Diaghilew
unter seine Fittiche genommen hatte: Waslaw Nijinsky. Der Erfolg
seiner Auftritte ist unbeschreiblich, seine Sprungkraft gigantisch.
So etwas hatte man noch nicht gesehen. Tout Paris liegt ihm zu
Füßen. Was Nijinsky (1889–1950) auszeichnet, ist
seine Vielschichtigkeit als Künstler und Mensch. Kreativität
zählte für ihn mehr als seine oft gerühmte Technik.
Er hatte Magie und eine unglaubliche Gabe, sich in Rollen hineinzuleben.
Dabei kam es weniger darauf an, was er tanzte, Furore machte vielmehr,
wie er es realisierte und welche Ausdruckswelten er damit hervorrufen
konnte. Nur knapp 30 Jahre blieben ihm für seine bahnbrechende
Karriere, bevor eine unheilbare Geisteskrankheit zunehmend Besitz
von ihm ergriff.
Als Choreograf trat er erstmal 1912 mit Debussys „L‘après-midi
d’un faune“ in Erscheinung – und brachte die
Gemüter in Aufruhr. Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass
er seiner Zeit (und sogar dem ingeniösen Impresario Diaghilew)
weit voraus war. Nijinskys Uraufführung von Strawinskys „Le
Sacre du printemps“ (wohl keine andere Komposition des frühen
20. Jahrhunderts wurde häufiger tänzerisch umgesetzt!)
schrieb Geschichte – die Vorstellungen wurden ausgepfiffen.
Zu ungewohnt waren die Klänge, zu peitschend repetitiv die
sich fortwährend in Takt und Akzentuierung wandelnden Rhythmen.
Dazu hüpfte, schlurfte und stampfte, mit einwärts gedrehten
Füßen und seitlich auf die Schulter geneigtem Kopf,
ein in knöchellange Kostüme folkloristisch verpacktes
Ensemble – nach Geschlechtern in Kreise, verkettete Linien
und Blöcke aufgeteilt. Keines seiner weiteren Werke erregte
mehr derartige Ressentiments.
Nach seinem Zerwürfnis mit Diaghilew (Nijinsky hatte geheiratet)
avancierte Léonide Massine zum neuen Protegé und
löste seinen Vorgänger auch in punkto Choreografien mit
seinem kompliziert-humorigen Stil ab. Unter seinen Arbeiten seien „La
Boutique fantastique“ (Bühne: André Derain), „Der
Dreispitz“, „Pulcinella“ und „Parade“ (Ausstattung:
Picasso) erwähnt. Ein Muss für die Künstlerschaft
der Avantgarde waren die Ballets Russes zu diesem Zeitpunkt schon
längst,
da sie auf neuartige Weise die Synergien zwischen Tanz, Musik und
Bildender Kunst mobilisiert hatten. Auch in den verbleibenden 16
Jahren bis zu seinem Tod am 19. August in Venedig gelang es Diaghilew
immer wieder, mit den angesagtesten
Künstlern seiner Zeit zu kooperieren. Nach Massine arbeitete
Nijinkys Schwester Bronislawa beispielsweise mit Poulenc („Les
Biches“, Bühne: Laurencin), Milhaud („Le Train
bleu“, Bühne: Coco Chanel) oder Auric („Les Fâcheux“,
Bühne: Braque) zusammen. Die letzte Dekade der Ballets Russes
jedoch dominierte George Balanchine, der 1925 für die Truppe
zu choreografieren begann und zum Repertoire konstruktivistische
Unikate wie „La Chatte“ (Musik: Henri Sauget), „Le
Pas d’acier“ (Musik: Prokofjew) und 1928 „Apollon
musagète“ – ein erstes Aufflackern des Neoklassizismus – beisteuerte.
Balanchines Ballett vom „Verlorenen Sohn“ mit Serge
Lifar in der Hauptrolle beendete die hier leider nur angedeutete
Werkvielfalt und Dichte an herausragenden Künstlerpersönlichkeiten
der Ballets Russes, die so gut wie fast alle Facetten der damaligen
zeitgenössischen Kunst, von Jugendstil und Art Déco über
Kubismus und Konstruktivismus bis hin zum Surrealismus abdeckten
und in den jeweiligen Handschriften ihrer Chefchoreografen das
Ballett auf einen kulturgeschichtlichen Rang gleichwertig zu Literatur,
Schauspiel und Oper hievten. Cranko, Neumeier, Kylián oder
Forsythe – sie alle wären undenkbar ohne Diaghilews
Wagnis!
Vesna Mlakar
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