
Am 25. Oktober 2009 feierte die VdO in Wiesbaden ihr 50-jähriges
Jubiläum. Einen ausführlichen Bericht darüber finden
Sie in diesem Heft. Beeindruckend war die Übereinstimmung
der Redner von Bühnenvereins- und Gewerkschaftsseite im Hinblick
auf einerseits die Bedeutung, andererseits die aktuelle Situation
von Kunst und Kultur in diesem Land.
Die immer absurder werdende Verteilung von Schadensverursachung
und Haftung in dieser Gesellschaft hat vor allem der Präsident
des Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, in seiner Rede
(s. S. 29) sehr prägnant beschrieben – und in dem seither
vergangenen Monat hat sich die Lage weiter zugespitzt: Die neue Bundesregierung plant immer weitere Steuergeschenke
für
die Verursacher der Wirtschaftskrise und gräbt dafür
den Kommunen, die die Hauptlast der Kulturfinanzierung tragen und
ohnehin mit Milliarden verschuldet sind, weiter das Wasser ab – statt
beispielsweise einmal die Idee weiterzuverfolgen, im Interesse
des Gemeinwohls eine „bad city“ zur Entschuldung der
Gemeinden als Gegenstück zur „bad bank“ zu gründen.
Der Glaube, man könne durch Kürzungen der Kulturhaushalte,
die in vielen Großstädten gerade einmal wenige Promille
der Schuldenlast betragen, zur Sanierung der Gemeindefinanzen beitragen,
ist nicht naiv, sondern scheinheilig. Mit
mindestens 3 Mrd. € will der Bund die WestLB stützen,
nachdem diese sich wie die meisten Banken in den letzten Jahren
in blindem Gewinnstreben gründlich verspekuliert hat. Diese
Summe entspricht dem 1 1/2-fachen dessen, was die gesamte öffentliche
Hand in einem Jahr für sämtliche Theater Deutschlands
aufbringt. Das Verursacherprinzip wird hier offenbar in der Weise
umgedeutet, daß derjenige, der den wirklichen Schaden hat,
nämlich der Steuerbürger, die Verursacher des Schadens,
nämlich diejenigen, die ohne jedes Augenmaß und ohne
volkswirtschaftliche Verantwortung mit irrealen Werten spekulieren,
unbegrenzt zu subventionieren hat – die genaue Verkehrung
dessen, was der Begriff „Marktwirtschaft“, die heilige
Kuh derer, die diese Subventionen hemmungslos in Anspruch nehmen,
eigentlich einmal bedeutete.
Nach der Abwrackprämie zur Stützung der Automobilindustrie
soll nun zur Abwechslung dem Beherbergungsgewerbe – übrigens
gegen den erbitterten Widerstand vieler Länder – ohne
erkennbaren Grund und in völliger Abkehr von der bisherigen
Steuersystematik das Privileg des reduzierten Umsatzsteuersatzes
von 7% eingeräumt werden, ein Geschenk, das den Fiskus im
Jahr ebenfalls rund eine Milliarde € kostet und zudem – wegen
des entsprechend verminderten Vorsteuerabzugs – die restliche
Wirtschaft sogar belastet. Wo die gesellschaftspolitische Förderungswürdigkeit
von 5-Sterne-Hotels liegt, bleibt im Dunkeln.
Durch solche Maßnahmen werden die Finanzen von Ländern
und Gemeinden, die bislang allein für die Theaterfinanzierung
verantwortlich sind, systematisch ausgetrocknet. Und der Bund kann
sich angesichts dessen nicht darauf hinausreden, Kultur sei Ländersache.
Er ist der Herr der Gesetzgebung zu praktisch allen quantitativ
relevanten Steuern. Und was die angebliche soziale Komponente angeht:
Ist ein Arbeitnehmer an der Oper weniger wert als ein Arbeitnehmer
bei Opel? Und haben nicht die Theater in den vergangenen Jahren
auf Druck der Politik bereits 1/5 ihrer Mitarbeiter „freisetzen“ müssen?
Ist am Ende Kunst strafbar?
Auch das Argument, in der heutigen Zeit könne eine Gesellschaft
sich eine so vielfältige
Theaterlandschaft wie die unsere einfach nicht mehr leisten, verblasst
schnell, wenn man bedenkt, daß die Gesamtausgaben der öffentlichen
Hand für die Kulturfinanzierung in Deutschland mal gerade
99,10 € pro Einwohner betragen. In Frankreich beispielsweise
liegen sie bei 205 €.
Nicht die immer weitere Reduzierung der Brosamen, mit denen unser
Gemeinwesen seine Kulturinstitutionen finanziert, kann die öffentlichen
Finanzen und damit unsere Währung und damit wiederum den Wert
dessen, was wir „Normalbürger“ uns mühsam
erspart haben, retten, sondern allein eine wirksame Disziplinierung
derer, die auf Kosten der Allgemeinheit Milliardengewinne und Millionenprämien
einstreichen, sowie eine breit angelegte Strategie zum solidarischen
Management der Defizite aller öffentlichen Haushalte. Tobias Könemann
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