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Kulturpolitik

Sparen bis zum Exitus

Ein Gespräch mit dem Hagener Intendanten Norbert Hilchenbach

„Über Deutschland droht wieder eine Welle von Budgetkürzungen und Theaterschließungen hereinzubrechen; und ich fürchte, dass die ganz großen Abschaffungsmaßnahmen erst in der nächsten Zeit beginnen werden und dass das, was wir bis jetzt erlebt haben, nur ein gelindes Vorspiel war.“ Diese düstere Prognose, die der Komponist Detlev Glanert schon im Jahr 2004 ausgegeben hat, ist durch die Folgen der Finanzkrise zum Ernstfall für das deutsche Theatersystem geworden. Was speziell den Stadttheatern bevorsteht, lässt sich gegenwärtig wohl nirgends besser antizipieren als im westfälischen Hagen, wo die mit bald einer Milliarde Euro verschuldete Stadt haushälterisch unter der Kuratel der Bezirksregierung steht. Von sich reden machte diese Behörde mit ihrer Forderung, den Etat des Dreispartenhauses (Oper, Ballett und Jugendtheater) bis zum Jahr 2014 um 5,8 Millionen Euro zurückzufahren, was de facto die Liquidierung des Theaters bedeutet hätte. Unter dem Druck der Öffentlichkeit ist die Bezirksregierung halbherzig zurückgerudert – vorerst. Über die nach wie vor prekäre Situation am Theater Hagen sprachen Tobias Könemann und Christian Tepe mit dem Intendanten Norbert Hilchenbach.

Christian Tepe: Als Intendant der Städtischen Bühnen Osnabrück haben Sie seinerzeit eine Vertragsverlängerung mit der Begründung ausgeschlossen, Sie könnten die von der Stadt geplanten Sparmaßnahmen nicht mittragen. Legt man diesen Maßstab an, so hätten Sie Ihre neue Stellung in Hagen doch schon mehrfach aufgeben müssen.
Norbert Hilchenbach: Die Voraussetzungen in Hagen waren andere. Als ich meinen Vertrag in Osnabrück verlängerte, war von Kürzungen nicht die Rede – die kamen dann etwas durch die kalte Küche. Hier in Hagen war von Anfang an klar, dass gespart werden muss. Wobei es über die vereinbarten Kürzungen hinaus für das Haus keine Möglichkeit mehr gibt, die Einnahmen zu vergrößern oder die Ausgaben zu reduzieren.

 
Norbert Hilchenbach. Foto: Theater
 

Norbert Hilchenbach. Foto: Theater

 

Tepe: Haben Sie sich nicht von Beginn an in eine defensive Position gebracht, als Sie in Hagen 2007/08 gleich mit einer Kürzung von einer Million Euro und einer saftigen Erhöhung der Eintrittspreise eingestiegen sind?
Hilchenbach: Die Situation des Theaters war so: Entweder es wird wirklich etwas eingespart oder das Haus steht als solches auf der Kippe. Ich hätte auch nicht zugesagt, wenn ich nicht wirklich davon überzeugt gewesen wäre, dass es Handlungsspielräume gibt. Jede Kürzung ist natürlich mit Schmerzen verbunden. Diese Schmerzen so gering wie möglich zu halten, darin habe ich meine Aufgabe gesehen. Die notwendigen Einsparungen und Einnahme-Erhöhungen sind allerdings mit einer ebenfalls besprochenen, jedoch noch immer nicht realisierten Änderung der Rechtsform des Theaterbetriebs verknüpft. Aktuell sind wir in einem kommunalen Regiebetrieb. Eine Betriebsformänderung hin zu einer GmbH oder Stiftung ist unabdingbar.

Tobias Könemann: Zwei Fragen. Erstens: Trotz der Einsparungen, die offenbar ja realisiert worden sind, steht das Theater nun wieder auf der Kippe. Wie kommt es dazu? Zweitens: Was das Thema Rechtsformveränderungen angeht, so kann man auch in einem städtischen Betrieb, indem man zum Beispiel zu einem städtischen Eigenbetrieb übergeht, haushaltstechnisch größere Freiheiten gewinnen. Ich sehe indes nicht, dass bei einem in den Betriebsabläufen eigentlich schon optimierten Haus die Rechtsformänderung als solche noch etwas bringt. Was versprechen Sie sich davon?
Hilchenbach: Man kann durch eine Betriebsformänderung erst mal kein Geld sparen, aber man kann die Satellitenkosten, die ein kommunaler Regiebetrieb mit sich bringt, deutlich senken. Wir erledigen hier zum Beispiel Arbeiten im Haus, die dann an anderer Stelle in der Stadt nochmals gemacht werden, wodurch unsere eigene Arbeit obendrein erschwert wird. Das ist ein dicker sechsstelliger Betrag, den wir da sparen könnten – nicht wir, das Theater, aber die Stadt.

Könemann: Sie meinen mit diesen Satellitenkosten keine im engeren künstlerischen Bereich, sondern Verwaltungskosten?
Hilchenbach: Wir haben hier beispielsweise eine Firma, eine städtische Gesellschaft, die unseren gesamten Computer-, Internet- und Telefondienst ausführt. Wir zahlen an diese Firma im Jahr einen stattlichen Betrag, der, wenn wir das von der freien Wirtschaft erledigen lassen würden, in solcher Höhe nicht fällig wäre. Das heißt in diesem Fall nicht, dass die Stadt gespart hat, aber die Kosten für das Theater wären geringer. Und so summieren sich diese ganzen Dinge zu einem wie gesagt bemerkenswerten sechsstelligen Betrag.

Das Beste vom Schlechten

 
„Street Scene“ von Kurt Weill in der Inszenierung von Roman Hovenbitzer, die neueste Produktion aus der Reihe mit zeitgenössischen amerikanischen Opern am Theater Hagen. Foto: Theater
 

„Street Scene“ von Kurt Weill in der Inszenierung von Roman Hovenbitzer, die neueste Produktion aus der Reihe mit zeitgenössischen amerikanischen Opern am Theater Hagen. Foto: Theater

 

Tepe: Nun steht nach den Schrumpfungsprozessen der letzten beiden Jahre ab 2014 eine neue jährliche Einsparung von 0,8 Millionen Euro ins Haus, und dies bei einem Gesamtetat von nur 16,5 Millionen Euro. Läuft Ihre Aufgabe als Intendant in Zukunft auf eine Demontage des Theaters hinaus?
Hilchenbach: Als im Sommer die neue Einsparforderung von 0,8 Millionen Euro ab 2014 bekannt wurde, habe ich gesagt: „Das ist das Beste, was wir im Schlechten erreichen können.“ Denn damit hätten wir endlich ein bisschen Zeit gewonnen für eine sinnvolle Planung. Jetzt sind die 0,8 Millionen von der Bezirksregierung schon wieder in Frage gestellt worden. Ursprünglich hätte die Bezirksregierung gerne insgesamt 8 Millionen Euro an der Kultur in Hagen gespart, wovon das Theater alleine 5,8 Millionen Euro übernehmen sollte. Mittlerweile kursieren schon wieder Zahlen von zwei und noch mehr Millionen, auch nicht ab 2014, sondern ab 2011. Das ist alles sehr vage. Eines ist klar: Wenn diese 0,8 Millionen keinen Bestand haben, dann ist das Theater kaputt. Die einzige Chance, die wir haben, ist, mit dem Land und mit privaten Förderern zielstrebig etwas vorzubereiten. Bisher war es ja immer so, dass man unverzüglich reagieren musste: heute Ratsbeschluss – morgen umsetzen. Dann fängt man an umzusetzen, schon kommt der nächste Ratsbeschluss.

Tepe: Wie sieht es denn mit der Erhöhung des Landesanteils bei der finanziellen Förderung des Theaters aus? Hier soll es ja seitens der Stadt erste Kontakte mit Düsseldorf geben.
Hilchenbach: Die Stadt Hagen darf keinen Alleingang machen, weil das ein Prozess ist, der sämtliche theatertragenden Kommunen in NRW angeht. Das ist nicht eine solitäre Angelegenheit des Theaters Hagen. Bei der Perspektive, die Landesförderung zu erhöhen, ist jetzt zum ersten Mal die Tür etwas aufgestoßen worden. Doch vor den Wahlen im nächsten Frühjahr wird sich konkret gar nichts tun.

Könemann: Gibt es denn Ansätze in NRW, so etwas wie einen kommunalen Finanzausgleich unter der Ägide des Landes einzuführen? Haben Sie darüber Erkenntnisse?
Hilchenbach: Erkenntnisse im Sinne von „Ja, wir wissen, es wird alles gut“ haben wir nicht. Natürlich ist dies ein Thema, wenn über den kommunalen Finanzausgleich auch solche Zahlungen an die Kommunen gehen, die für die Kultur gedacht sind. Was jetzt von diesen Zahlungen wirklich in die Kultur fließt, ist eine dunkle Geschichte und kein Kämmerer lässt sich da gerne in die Karten schauen. Dieses Geld sollte ganz klar benannt und nur zweckgebunden vergeben werden. Dann besteht die Möglichkeit, eine vom Land gegebene Förderung wirklich für die Kultur zu sichern.

Könemann: Das müsste aber dann landesgesetzlich auch verankert werden, denn ansonsten würden die Grundsätze des Gemeinderechts gelten.
Hilchenbach: So ist es.

Tepe: Schauen wir noch einmal auf die Kommune. Sie haben immer gefordert: „Die Stadt muss sagen, was ihr Kultur und Kunst wert sind.“ Der neue Oberbürgermeister Jörg Dehm (CDU) hat das im Kommunalwahlkampf ja sehr deutlich getan. So befürwortet Dehm eine Verringerung des städtischen Zuschusses an das Theater und weitere interne Kostenoptimierungen. Auch für eine Kooperation mit anderen Theatern macht sich Dehm stark. Zementiert das nicht doch wieder Ihre Rolle als Theaterabwickler?
Hilchenbach: Nein. Diese Aufforderung jetzt, da müsse noch was intern versucht werden, kann ich nur so zur Kenntnis nehmen. Meine Meinung ist klar: Es gibt im Haus nichts mehr zu kürzen.

Tepe: Und was die Kooperation mit anderen Häusern betrifft?
Hilchenbach: Ich glaube, dass ich nicht ganz doof und auch nicht masochistisch veranlagt bin. Also wenn ich da eine Möglichkeit sähe, mir Probleme vom Hals zu schaffen, dann würde ich die nutzen. Bisher hat es niemand fertiggebracht, über Kooperationen wesentliches Geld einzusparen. Es hat keinen Sinn, blauäugig in etwas rein zu rennen und sich vorzumachen, da groß zu sparen und am Ende mit Glück vielleicht 2.320 Euro erwirtschaftet zu haben oder aber mit Pech 23.000 Euro extra ausgegeben zu haben! Die Kostüme für Hagen in Dortmund anfertigen zu lassen und das Bühnenbild von Münster in Hagen herzustellen, das kann es nicht sein. Dann muss man sich schon – und dies ist nicht Sache der Theater, sondern der Politik und der theatertragenden Kommunen – von Grund auf überlegen, wie so eine Kooperation denn aussehen könnte.

Freiverkauf steigern

 
„Nighthawks“, Ballettabend von Eric Oberdorff und Ricardo Fernando. Foto:Theater
 

„Nighthawks“, Ballettabend von Eric Oberdorff und Ricardo Fernando. Foto:Theater

 

Könemann: Zu einer anderen Möglichkeit der Einnahmenerhöhung: Die Auslastung ist hier im Haus in einer langfristigen Betrachtungsweise ja doch spürbar gesunken.
Hilchenbach: Die Abozahlen sind in den letzten 25 Jahren in Hagen kontinuierlich zurückgegangen. Die Hauptursache dafür ist natürlich das Alter der Abonnenten. In Hagen war das Publikum größtenteils immer ein Abonnentenpublikum und der Freiverkauf seit jeher nicht sehr hoch. Was man jetzt nur machen kann, ist, den Freiverkauf steigern und die so genannten Großkunden neu bewerben. Bisher gab es hier keine Marketingabteilung. Der Werbeetat verdiente bei Licht gesehen noch nicht einmal den Begriff des Veröffentlichungsetats. Es gab keine Kundenbetreuung. Und warum nicht? Weil gar nicht die Möglichkeit bestand, Kundendaten zu verwalten. All das haben wir jetzt erst angefangen. Das braucht eine gewisse Zeit. Aber davon abgesehen: Wir haben immer noch einen hohen Abonnentenstand, und mit einer Gesamtauslastung von 75 Prozent können wir uns sehr gut sehen lassen. Mit Sicherheit haben wir das der hohen künstlerischen Qualität unserer Arbeit zu verdanken, die weit über Hagen hinaus Anerkennung und Beachtung findet.

Tepe: Ende der letzten Saison wurden von der Presse Schließungsgerüchte lanciert, nachdem die ursprüngliche Einsparforderung der Bezirksregierung bekannt geworden war. Wie reagiert das verbliebene Abo-Publikum auf solche Nachrichten?
Hilchenbach: Es entsteht eine große Irritation bei den Besuchern, wenn so in der Presse berichtet wird. An der Kasse hören wir den Satz: „Ja, wir wissen ja nicht, wie es bei euch weitergeht.“

Tepe: Was können Sie entgegnen? Wie sehen Sie die weitere Entwicklung des Hauses?
Hilchenbach: Entgegnen können und müssen wir in erster Linie die bereits erwähnte künstlerische Qualität, die uns in landesweiten Vergleichen immer wieder in die vordersten Ränge aller NRW-Theater führt. Wenn man sich generell über die Zukunft des Theaters Gedanken macht, muss man über die Zukunft der Stadt sprechen. Ohne eine begründete Vorstellung der Politik, wie diese Stadt in 10, in 20 oder 25 Jahren aussehen soll, kann man auch nicht fundiert über Kultur und damit auch über das Theater sprechen.

Könemann: Diese Entscheidungsschwäche, die Sie da in der Stadt bemängeln, inwieweit hängt die zusammen mit dem Gerangel zwischen Stadt und Regierungspräsident, der ja hier doch so einiges mitzuregieren hat?
Hilchenbach: Die Probleme, Entscheidungen zu treffen, bestanden meiner Meinung nach schon, bevor es jetzt so extrem wurde und bevor das, was die Stadt noch beschließen kann, eigentlich nur noch mit Zutun des Regierungspräsidenten geschehen konnte. Aber lassen Sie mich noch ganz grundsätzlich etwas anmerken: Hagen wird – genauso wie viele andere Kommunen – ohne Hilfe von außen nicht aus dem Schlamassel herauskommen. Wenn man das strukturelle Defizit von 135 Millionen Euro und die 1 Milliarde Euro Schulden damit in den Griff bekommen will, dass man die Brunnen abstellt und sagt: „Wer noch irgendwelches Wasser plätschern haben will, der kann da ja einen Euro reinwerfen“, wenn man es damit versucht, dass man die Grundsteuer erhöht und Hagen so zur mit Abstand teuersten Stadt Deutschlands macht, dann finde ich das bei einer rapide sinkenden Einwohnerzahl ein bisschen zu kurz gedacht. Es gibt keinen Weg, den eine Kommune für sich allein beschreiten kann, um eine Milliarde Euro Schulden abzubauen. Entweder man richtet sich in diesem Defizit auf Dauer ein oder aber man muss gemeinsam mit dem Land und dem Bund eine Möglichkeit der Entschuldung finden. Sonst werden diese Kommunen überhaupt nicht mehr hoch kommen.

Tobias Könemann und Christian Tepe

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