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Mutiger Start am Rhein
Martin Schläpfers erster Ballettabend in Düsseldorf · Von
Bettina Trouwborst
Düsseldorf. So viel Anfang war lange nicht an der Deutschen
Oper am Rhein: Geradezu euphorische Stimmung herrschte im Publikum
bei der Eröffnungspremiere von Martin Schläpfer. Die
Neugier auf den neuen Ballettchef war groß, zählt der
Schweizer doch fraglos zu den interessantesten klassischen Choreografen
der jüngeren Generation. Mit seinem Anspruch, in Düsseldorf „Ballettkunst
für das 21. Jahrhundert“ zu schaffen, verkörpert
er die Hoffnung auf Innovation von internationalem Format nach
13 Jahren konservativer Ästhetik unter Youri Vàmos.
Auf dem Programm des neuen Ballett am Rhein Düsseldorf Duisburg
standen Schläpfers hinreißender Strauß-Reigen „Marsch,
Walzer, Polka“, Hans van Manens wunderbare „Frank Bridge
Variations“ zu Benjamin Britten und die Uraufführung
von Schläpfers „3. Sinfonie“. Dass der Schlussapplaus „nur“ begeistert,
aber ohne Jubel und Ovationen ausfiel, lag an der ehrgeizigen Idee
des 49-jährigen Schweizers, in Düsseldorf mit einer Neuschöpfung
zu starten. Sieben Wochen reichten aber nicht für ein neuerliches
Meisterwerk. Mit „Marsch, Walzer, Polka“ (uraufgeführt
2006), Schläpfers ironischer Umsetzung wienerischer Lebensmelodien,
riss er die Düsseldorfer sogleich mit. Von leichter Hand choreografiert,
setzt der neue Ballettchef dem Dreivierteltakt seinen eigenen Rhythmus
entgegen und bleibt doch ganz im Einklang mit der Musik. Mit Humor
und Eleganz bremst er den Walzer aus, lässt auf Spitze hüpfen
oder im Spagat schaukeln. Zur lebendigen Wilhelm-Busch-Karikatur
wird Jörg Weinöhl, der den Radetzky-Marsch in Unterwäsche
persifliert.
In seinen „Frank Bridge Variations“ (2005 geschaffen
für das niederländische Nationalballett) zeigt sich Hans
van Manen als Psychologe unter den Choreografen. Mit Blicken, Gesten,
kraftvollen und geschmeidigen Bewegungen charakterisiert er Paarbeziehungen.
Van Manens Geschöpfe ruhen ganz in sich, während die
Atmosphäre vor Spannung vibriert. Ein weises, reifes Werk.
Der Niederländer, am Rhein ein verehrter alter Bekannter,
feierte einen Triumph.
Dann kippte die Stimmung. Martin Schläpfers Mut ist zu bewundern,
mit einer so schwierigen Musik wie Witold Lutoslawskis „3.
Sinfonie“ in eine neue Ära zu gehen und sich dem Publikum
auch von einer schwermütigen Seite zu zeigen. Denn anders
als das beschwingte, von ironischem Witz und Bewegungsintelligenz
blitzende Strauß-Stück „Marsch, Walzer, Polka“,
kommt die „3. Sinfonie“ kopflastig und kompliziert
daher. Einige Zuschauer verließen den Saal, Buhrufe waren
zu hören. Zerklüftete, nervöse Tonmassen, die nach
atonalem Neo-Expressionismus klingen, aber auch Naturgeräusche,
reihen sich aneinander, klettern in extreme Höhen, verdichten
sich zu romantischem Sehen oder dramatischem Wetterleuchten. Den
Choreografen inspirierten sie zur Utopie einer Gesellschaft zwischen
Urmenschen und Zombies. Gekleidet in Trikots mit Wollleibchen,
die Augen schwarz umrandet, suggerieren sie eine Archaik, die an
Strawinskys „Sacre du Printemps“ denken lässt. Über
der – überfrachteten – Bühne hängen
drei Käfige mit Gefangenen und ein Stahlträger, im Hintergrund
leuchten Mohnblumen. Schläpfer hat sich tief in die Musik
hineingehört, um ihre Stimmungen aufzunehmen und sich dann
von ihr zu emanzipieren. Die Komposition wird ihm zu einem Tanzboden,
auf dem sich das seltsame Völkchen mal mit gekrümmtem
Rücken, mal im Stechschritt bewegt. Die Kreaturen begegnen
sich zwischen Tanz und Kampf. Paare umkreisen sich misstrauisch.
Ein wiederkehrendes Motiv ist das Auf-den-Boden-Stampfen
mit nackten Füßen oder mit Spitzenschuhen, die die Ballerinen
beinahe wütend, wie Speere, in den Boden stoßen. Handwerklich
ist auch diese Arbeit makellos, doch inhaltlich wirkt sie unfertig,
vage, verstörend.
Der junge Dirigent Christoph Altstaedt, der seinen ersten Ballettabend
leitet, leistet Großes. Zumal Lutoslawski in seiner 3. Sinfonie
mit „begrenzter Aleatorik“ arbeitet. In einigen Abschnitten
spielen zwar alle Instrumente dieselben Noten, doch ist das Tempo
freigegeben. Das „gewürfelte Metrum“ ist eine
Herausforderung für Dirigent wie Tänzer und ergibt jeden
Abend ein anderes Klangbild. Kein Stolperstein für dieses
exzellente Ensemble, das aus dem ehemaligen ballettmainz, Tänzern
der Rheinoper und jungen Neuzugängen besteht. Darunter Körpervirtuosen
wie Marlùcia do Amaral, und auch reifere Persönlichkeiten
wie Jörg Weinöhl. Das Ballett der Rheinoper ist wieder
da.
Bettina Trouwborst |