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Es ist alles eine Frage der Disposition
Podiumsdiskussion zum VdO-Jubiläum
„Potentiale szenischer Chorarbeit“ – So lautete
die Überschrift für die prominent besetzte Podiumsdiskussion
anlässlich des 50. Geburtstags der VdO, in der es um Fragen
des Chor-Einsatzes, der Kommunikation zwischen Regisseur und Kollektiv,
um die Proben-Disposition sowie um die Grenzen des Machbaren ging.
Unter der Gesprächsleitung von Theo Geißler (ConBrio
Verlag) diskutierten Vera Freese, Ortsdelegierte des Opernchors
Bielefeld, die Regisseure Katharina Wagner und Peter Konwitschny,
der Leiter der Bayerischen Theaterakademie und Präsident des
Deutschen Bühnenvereins, Klaus Zehelein, VdO-Geschäftsführer
Tobias Könemann und der frisch gekürte VdO-Ehrenvorsitzende
Winfried Knoll. Nachstehend die Diskussion in Auszügen:
Theo Geißler: Wir wollen uns über Potentiale, über
Perspektiven szenischer Chorarbeit unterhalten. Das Beste ist,
man fängt mit dem Schwierigsten an, nämlich in unserem
Fall mit der Kunst. Wie könnte denn aus Ihrer Sicht, Herr
Konwitschny, Frau Wagner, Herr Zehelein, die optimale Arbeit mit
einem Chor aussehen? Wie müsste der Chor konfiguriert sein?
Katharina Wagner: Ich muss sagen,
dass ich eigentlich keine negative Erfahrung mit Chören habe, weil ich grundsätzlich versuche,
sehr gut vorbereitet auf meine Proben zu gehen. Ich bin kein Regisseur,
der sagt: „Bietet mal was an!“ Das sind meine Hausaufgaben.
Deswegen gilt für den Chor dasselbe, was ich auch von einem
Solisten oder vom Publikum erwarte: dass jeder sich zunächst
anhört, was sich der Regisseur konzeptionell ausgedacht hat
und dies dann mit prägt, auch wenn es nicht der Geschmack
des einzelnen Chormitglieds ist. Was ich erwarte, sind mitdenkende
Menschen, offene Menschen und Gott sei Dank habe ich noch nie einen
Chor erlebt, der mir entgegengetreten ist und gesagt hat: Nein.
Damit komme ich jetzt nicht klar.
Peter Konwitschny: Was ich erwarte?
Das Gleiche, was Frau Wagner erwartet. Es ist ein Unterschied,
mit so genannten Solisten etwas
zu besprechen oder eben mit mehreren Menschen, mit einem Kollektivkörper.
Man weiß nicht, wo man diesen Körper anfassen soll.
Dafür braucht man, glaube ich, eine Begabung oder ein bestimmtes
Wissen, damit man möglichst alle erreicht. Bei jeder Menschenmenge
gibt es immer einige, die nicht aufmerksam sind. Vielleicht hat
das mit der Tagesform des einzelnen Sängers zu tun oder auch
mit seiner Lebenssituation.
Winfried Knoll: Nach meiner Erfahrung ist es
das Schwierigste, Regisseure zu finden, denen es gelingt, einem
Kollektiv ihr Konzept
so zu erklären, dass alle davon begeistert sind, dass sie
es gerne mittragen. Wem dies gelingt, der hat gewonnen. Der erlebt
auf einmal eine ganz andere Aufmerksamkeit. Das Kollektiv ist etwas
anderes als zwei Solisten. Da ist die Gruppendynamik, und Begeisterung
steckt an, Langeweile auch. Im besten Fall müsste es einem
Regisseur gelingen, so viel Interesse an der Konzeption zu wecken,
dass der Chor als Ganzes, als Kollektiv sagt: Das ist eine ordentliche
Sache, wir machen da mit. Auch wenn es nicht jedermanns Geschmack
ist. Das Konzept muss für den Chor greifbar oder wenigstens
begreifbar sein.
Wagner: Ein grundsätzliches Problem ist es, dass viele Regisseure
sagen: „Oh Gott, ich habe so wenig Chorproben“, und
sich gar nicht trauen, sich die Zeit zu nehmen, das „Warum“ zu
erklären. Dabei ist das „Warum“ das Entscheidende.
Der Schritt von links nach rechts allein bringt nichts. Chorproben
sind ja oft sehr knapp, das brauchen wir nicht wegzureden. Trotzdem
muss man sich am Anfang genau diese Zeit nehmen; auch die Zeit,
mal eine Frage zu beantworten. Klaus Zehelein: Die wenigen Chorproben bei großen Chorstücken
sind in der Tat ein Problem. Wenn ich eine große Choroper
mache und nur sieben Bühnenproben habe, dann ist das natürlich
problematisch. Dann kommt eine falsche Ökonomie ins Spiel,
auch bei den Regisseuren. Es ist natürlich schwieriger, mit
einer Masse, mit vielen Menschen als mit einem Sänger oder
einer Sängerin alleine zu arbeiten. Der Respons ist ja auch
ein ganz anderer. Er ist vielfältiger.
Vera Freese: Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass ein
Chor, der für ein Stück engagiert wird, auch Freude an
der Arbeit hat. Man stellt sich auf die Regisseure ein und erwartet
von ihnen ganz konkrete Ansagen. Dafür müssen sie die
Leute direkt ansprechen, nicht das Kollektiv. Bei einem großen
Chor hat man vielleicht das Gefühl, dass er als Masse reagiert.
In einem kleineren Chor reagiert jeder einzeln und jeder Chorsänger
möchte für sich eine Aufgabe haben. Wir machen das gerne.
Wir nehmen gerne Anregungen auf, und es hat sich ja in den letzten
Jahren auch gezeigt, dass sich die Arbeit des Chorsängers
geändert hat. Wir bekommen viel mehr Aufgaben, schwierigere
Aufgaben. Wir singen in Sprachen, die wir zum Teil gar nicht verstehen.
Und wir müssen dazu Aktionen ausführen, die man, wenn
man die Sprache nicht versteht, noch präziser erklärt
haben muss. Geißler: Wo lernt denn eigentlich
ein Opernregisseur den Umgang mit dem Chor?
Wagner: Ich habe manchmal das Gefühl, dass das Berufsbild
des Regisseurs schon von den Hochschulen falsch verstanden wird.
Eigentlich erwarte ich eine gewisse Grundvoraussetzung an Schauspielkönnen,
wenn ein angeblicher Solist vor mir steht. Da habe ich mit Chören
teilweise bessere Erfahrungen gemacht als mit Solisten.
Und wenn der Chor nicht sehen kann, oder wenn etwas im Weg steht,
bin ich dankbar, wenn Chormitglieder mit Lösungsvorschlägen
zu mir kommen. Ich bekomme sehr viel Hilfe und sehr viel Feedback
aus Chören.
Geißler: Ich frage trotzdem noch mal. Wo
haben Sie das gelernt? Woher haben Sie die technischen Möglichkeiten,den Blick dafür?
Wagner: Ich habe eine Hospitanz
nach der anderen gemacht. Es gibt sehr gute Handwerker wie Harry
Kupfer, bei denen man lernen kann.
Das ist nichts, was man theoretisch erlernen kann, man muss sich
angucken, wie das geht.
Geißler: Peter Konwitschny, wie hat es
bei Ihnen angefangen?
Konwitschny: Ich wollte ja gar
nicht Regisseur werden. Ich wollte Rennfahrer werden und dann Dirigent.
Ich bin eigentlich zufällig
Regisseur geworden und als ich bemerkte, was das für eine
Zumutung ist, wollte ich sofort aufhören. Aber da ich vorher
andere Studien abgebrochen hatte, meinte meine Mutter, ich müsse
jetzt endlich mal etwas fertig machen. So bin ich dann Regisseur
geworden.
Wenn man anfängt, hat man erst einmal Angst vorm Chor. Mir
wurde gesagt: Die Chöre wollen nicht, sie blocken ab. Wir
haben den Umgang mit dem Chor jedenfalls nicht an der Schule gelernt.
Man könnte ja wenigstens gewisse handwerkliche Dinge vermittelt
bekommen. Das ist im Studium nicht passiert. Ich habe es mir irgendwie
abgeguckt.
Geißler: Ich möchte noch einmal zurückkommen auf
die wenigen Chorproben für eine große Choroper. Das
ist ein ziemlich grober Zwang, der da – vermutlich aus ökonomischen
Gründen – ausgeübt wird. Das bringt mich zu der
Frage, welche Rolle denn bei dem Verhältnis zwischen Regie,
Chor und Solisten das Klima am Haus spielt, das Haus an und für
sich?
Zehelein: Das hat sich verändert. Es ist ein viel offeneres
Arbeiten möglich geworden. Aber man kann und muss in Fragen
der Disposition natürlich die Fantasie bemühen. Die Einstudierung – und
daran hängt es oft genug bei Chören und das ist eine
Dispositionsfrage – ist vielfach nicht fertig, nicht wirklich
fertig. Wenn die Disposition stur und dumm ist, dann kann man machen,
was man will, dann bleibt es bei sechs oder sieben Proben. Ich
gebe aber mal ein Gegenbeispiel. Ich fing in Stuttgart 1991 an.
Für den Juni 1992 hatten wir „Intolleranza“ von
Luigi Nono geplant und wir hatten vor – das haben wir in
Vorgesprächen mit der Chordirektion und dem Chorvorstand besprochen –,
die Chorpartien live zu machen, also nicht die ganze Chorarbeit
einzuspielen. Die Bühnenpräsenz des Chores sollte für
uns das Wesentliche sein. Die Chorpartitur ist sehr, sehr komplex – das
muss man dazu sagen. Der Chor spielt in „Intolleranza“ die
Hauptrolle. Wir haben darüber nachgedacht, wie das gehen kann.
Also haben wir beschlossen, direkt im September mit den Proben
anzufangen. Wir haben also bis zur Premiere im Juni durch den ganzen
Spielplan hindurch geprobt. Dadurch hat der Chor ein musikalisches
Selbstverständnis gewonnen, und das ist die Vorraussetzung
dafür, gute szenische Arbeit zu machen. Da geht es um die
Einstellung jedes Künstlers und jeder Künstlerin im Chor:
Ich kann es! Ich beherrsche es! Ich gehe jetzt ganz neu mit mir
um! Das war überhaupt kein Problem. Wir haben das Stück
dann 29 mal gespielt. Das hing ausschließlich an der Kraft,
an der Emotionalität und dem Einsatz des Chores.
Davor allerdings liegt die Disposition, und das ist das Wesentliche!
Dass jede Künstlerin und jeder Künstler im Chor ein Selbstwertgefühl
durch die Arbeit erhält. Auch das ist komischerweise eine
Dispositionsfrage.
Konwitschny: Ja, gerade das ist
richtig: Disposition. In der Disposition werden dem Chordirektor
zu wenig Proben gegeben…
Zehelein: Da muss ich aber widersprechen.
Sie sagen, den Chordirektoren würden zu wenig Proben gegeben. Ich vermute manchmal, dass
es Absprachen zwischen Vorstand und Chordirektor gibt, dass es
so wenige Proben gibt. Das gibt’s nämlich auch.
Freese: Nein!
Zehelein: Das gibt
es. Ich hab es selbst erlebt.
Geißler: Peter Konwitschny,
Sie haben ja auch gerade eine schwierige Nono-Arbeit hinter sich.
Wie lief es bei Ihnen?
Konwitschny: Wir haben das richtig disponiert;
es war von vornherein klar, wie schwierig das ist. Ich kann natürlich
erst szenisch arbeiten, ob mit Chor oder mit Solisten, wenn diese
das ziemlich
gut drauf haben. Aber wenn das Werk und das, was sie zu singen
haben, nicht szenisch verwurzelt oder geerdet ist, also in einen
sinnvollen Kontext gelangt, dann wird es auch immer unsicher bleiben.
Für mich gibt es gar keinen Unterschied zwischen Solist und
Chorist. Wenn ich eine Bühne habe, auf der Menschen sind,
finde ich es absurd zu sagen: „Der eine hat mehr Bedeutung,
als der andere.“ Das ist natürlich ein wunder Punkt,
weil Chorsänger oft Menschen sind, die eine solistische Ausbildung
angestrebt und nicht zu Ende geführt haben. Das ist eine Lebensfrage.
Geißler: Dafür sind
aber auch maßgeblich Ausbildungsstätten
verantwortlich, die junge Menschen zu einer gewissen Spitzenleistung
führen möchten und das sehr konsequent, weil dann der
Ruhm auf ihr Haus zurückfällt, und die für die Ausbildung
eines künstlerisch-kollektiven Ausdrucks überhaupt keine
Anstrengung unternehmen.
Zehelein: Es hat Versuche gegeben, Chorklassen
an Musikhochschulen zu installieren, in Stuttgart zum Beispiel.
Aber heute finden Sie
an keiner Hochschule mehr eine Opernchorklasse. Ich würde
mir wirklich wünschen, dass es wieder ganz selbstverständlich
ist, dass es Chorklassen an den Musikhochschulen gibt. Ich halte
das für ganz wichtig. Chorsänger ist ein eigener Beruf
und es ist eben nicht so, dass man sagt: Ach Gott, wer es solistisch
nicht so weit gebracht hat, wird dann einfach Chorsänger.
Leider existiert dieses Bild. Auch zum Teil gefördert durch
die Musikhochschulen.
Geißler: Tobias Könemann, wäre das nicht auch eine
Aufgabe für die VdO, die ja nicht nur Gewerkschaft ist, sondern
die auch ein Kulturbewusstsein entwickelt und ausstrahlt? Was kann
man da tun?
Tobias Könemann: Da kann man,
im Grunde genommen, unmittelbar nichts tun. Wir haben bestimmte
Instrumente, mit denen wir als
Gewerkschaft wirken können. Die greifen nicht im Bereich der
Ausbildung, die greifen insbesondere nicht im Bereich der Hochschulen.
Wir haben als Gewerkschaften oder als Berufsverbände bei der
Festlegung von Berufsbildern und dergleichen durchaus ein echtes
Mitspracherecht und auch eine echte Mitgestaltungsmöglichkeit.
Bei dem, was in den Hochschulen läuft, stehen wir aber im
Moment außen vor. Natürlich sollten wir uns darum kümmern.
Natürlich sollten wir auch versuchen, beim Übergang zur
Arbeit Absolventen von Hochschulen das Berufsbild nahe zu bringen.
Es gibt Praktikumsmöglichkeiten von der Bundesagentur für
Arbeit, von der zentralen Künstlervermittlung. Und es muss
natürlich auch Möglichkeiten geben, dass Hochschüler
in Chören eingesetzt werden, dass sie ein Gespür dafür
kriegen und dort das lernen, was sie an der Hochschule eben nicht
lernen. Denn an der Musikhochschule, in der Gesangsklasse, kann
ich ja nicht automatisch ein volles Schauspielstudium in der Weise
absolvieren, dass ich in echten Produktionen mitwirke. Die Gefahr
besteht dann natürlich immer darin, dass Arbeitgeber, dass
Häuser dies sehr schnell zu einem Standardmodell machen und
missbrauchen, um Stellen einzusparen. Das nützt letztlich
den Praktikanten auch nicht, weil jeder irgendwann nicht mehr Praktikant
ist und eine Stelle haben will. Nichtsdestoweniger sind wir in
der problematischen Situation, dass im öffentlichen Ansehen – gerade
in unserem sehr kommerzialisierten Musikbetrieb – der Solist
der große Star ist. Das ist etwas, von dem jeder träumt,
wenn er 15 oder 16 Jahre alt ist und sich für eine künstlerische
Ausbildung entscheidet. Das ist aber nicht die Realität und
das ist auch nicht die einzige Form eines erfüllten Lebens.
Für den Verband ist das eine ganz wichtige Aufgabe, dass wir
mit einem nicht aufgesetzten und nicht gequälten, sondern
mit einem echten Selbstbewusstsein sagen: „Wir haben einen
hochwertigen künstlerischen Beruf. Wir sind wesentlicher Bestandteil
dessen, was auf der Bühne passiert.“ Und für den
Nachwuchs kann das eine große Erfüllung für das
persönliche Leben sein. Von den materiellen Aspekten will
ich jetzt in diesem Moment gar nicht reden…
Geißler: Frau Freese. Wie
ist es an einem mittleren Theater wie Bielefeld? Wie steht es da
mit dem Selbstbewusstsein des Chors
und auch der einzelnen Chorsängerinnen und Chorsänger?
Freese: Da wir ja ein kleiner Chor sind und auch
sehr individuell eingesetzt werden, selbst wenn wir nur als „Volk“ agieren,
fühlen wir uns an unserem Haus sehr wohl. Der Chor ist ein
Klangkörper. Dass dieser gut klingt und jede Produktion gut
meistert, das liegt zum einen am Chordirektor und zum anderen am
musikalischen Leiter, am Umgang mit dem Chor und an der Art der
Einstudierung. Tatsache ist auch, dass ein Chor aus unterschiedlichen
Altersgruppen besteht. Wir haben Anfänger und wir haben ältere
Kollegen, und die müssen immer wieder zusammenwachsen. Das
ist die Aufgabe, eben das gut hinzukriegen, dass alle gleichermaßen
gefordert sind.
Wagner: Wir haben in diesem Jahr für die Kinderoper in Bayreuth
versucht, aus einer Hochschule einen Chor zu rekrutieren und haben
uns an die Studenten gewandt. Da bekam ich dann die Antwort, sie
wollten nicht in einem Chor singen. Das fand ich schon sehr erstaunlich.
Dabei war es ein sehr kleiner Chor. Die Studenten hätten die
Möglichkeit gehabt, dort mit professionellen Sängern
zusammenzuarbeiten. Sie hätten wirklich etwas lernen können.
Sie hätten einen professionellen Chordirektor gehabt. Ich
persönlich hätte das als große Chance empfunden.
Der Chor war wirklich extrem exponiert. Da wurde auf jeden Einzelnen
geguckt. Diese Absage war schon eine sehr traurige Erfahrung.
Geißler: Ich möchte nochmal zurückkommen auf das
schöne Bild, das Frau Freese entworfen hat, nämlich dass
der Chor nicht nur ein Kollektiv, nicht nur das Volk ist, sondern
ein Organismus. Eine Frage an die Regisseure hier: Differenzieren
Sie in Ihrer Arbeit mit dem Chor ganz individuell?
Konwitschny: Es gibt zwei grundsätzlich unterschiedliche Möglichkeiten,
wie man den Chor überhaupt auffassen kann und ihn dann auch
führt. Entweder wirklich als Vervielfältigung, das ist
dann ein Chor, bei dem alle wirklich das Gleiche machen, dann aber
auch möglichst genau. Oder wir gehen davon aus, dass es Individuen
sind, quasi die Einheit von Widersprüchen. Das hängt
natürlich auch vom Stück ab. Wenn ich mit dem Chor arbeite,
gehe ich an einzelne Menschen heran und das macht mir große
Freude. Es geht darum, die Qualitäten eines jeden Einzelnen
einzubinden in das, was wir da gemeinsam machen. Jedem die Möglichkeit
zu geben, das, was er gut kann, was er ist, was authentisch bei
ihm ist, einzubringen. Also das Beste aus allen rauszuholen.
Geißler: Haben Sie dafür immer die Zeit?
Konwitschny: Bisher ja. Das habe
ich mir organisiert...
Zehelein: Ich möchte zurückkommen auf diese zwei Möglichkeiten.
Man muss sich ja nur mal klar machen: Theaterhistorisch ist das
erste, was überhaupt auf dem Athener Theater stand, der Chor.
Aus dem Chor kam der erste Solist. Der wurde nicht irgendwie erfunden
und extra ausgebildet. Letztlich muss die Würde wieder erreicht
werden, die historisch dem Chor gehört und zur Würde
gehört, dass man ihn ernst nimmt und ihm Zeit lässt.
Zum Glück haben wir einige Werke, bei denen der Chor absolutes
Zentrum ist. Allerdings sind sie zu selten auf dem Spielplan.
Geißler: Eine weitere Frage
an die Regisseure in der Runde: Welche tarifvertraglichen Regelungen,
die Sie am eigenen Leib schon
erfahren haben, sind denn aus Ihrer Sicht richtige Hemmklötze
für die Realisierung Ihrer künstlerischen Vorstellung?
Gibt es so etwas überhaupt?
Konwitschny: Das gibt es schon. Ich bin sogar
einmal in Hamburg in eine ziemlich fatale Situation geraten, obwohl
ich dort eigentlich
denkbar gute Erfahrungen mit dem Chor hatte. Aber es gab da eine
ziemlich blöde Auseinandersetzung. An Kollegen, die sich einfach
nicht richtig bemühen, kommt man disziplinarisch nicht ran,
wenn die Chorvertretung dicht macht. Ich wünschte mir dann
manchmal von der Chorvertretung, dass die nicht nur ihre Kollegen
schützen, sondern dass sie auch mal untereinander sagen: „Junge,
so geht`s nicht.“
Könemann: Da muss ich gleich
mal einhaken. Bei mir rufen sehr viele Chorkollegen an, die über Leistungsunwilligkeit von
Kollegen klagen und die große Schwierigkeiten haben, damit
im Kollektiv umzugehen. Sie werden dabei teilweise von den Leitungen
ihrer Häuser im Stich gelassen. Das ist ein Thema, das in
vielen Chören sehr präsent ist. Nicht nur aus dem eigenen
Interesse heraus, einen nicht leistenden Kollegen oder eine nicht
leistende Kollegin auch stimmlich ersetzen zu müssen, sondern
auch wirklich aus dem Bewusstsein: Wir sind als Chor präsent.
Wir sind sauer, wenn wir uns nicht richtig präsentieren können.
Recht haben Sie dahingehend, dass es disziplinarisch nur sehr eingeschränkte
Möglichkeiten gibt. Daher ist es meines Erachtens ganz wichtig,
dass ein echter Konsens zwischen allen Hierarchiestufen und Aufgabenbereichen
eines Hauses funktioniert.
Geißler: Das sind offensichtlich
auch Kommunikationsprobleme.
Konwitschny: Vor allen Dingen geht es auch um
Vertrauen. Es geht um das Vertrauen, dass wir das alles nicht böse meinen, sondern
dass wir für die Sache auch mal die Nerven verlieren und auch
mal Emotionen zeigen.
Könemann: Das kommt auch ohne
weiteres positiv an. Emotionen müssen auf der Bühne sein, denn Bühne stellt auch
Emotionen dar und man kann sie nicht künstlich zurückhalten.
Ich befürchte allerdings, dass es Häuser gibt, an denen
das Verhältnis so zerrüttet ist – meistens durch
eine schwache Leitung –, dass sich der Chor in sein Schneckenhaus
zurückzieht. Solche Fälle habe ich schon erlebt und da
sehe ich große Schwierigkeiten. Dann kommt der Chor auch
auf einmal ständig mit dem Tarifvertrag. Wenn ein Regisseur
natürlich seine Probenzeiten „verdödelt“ und
trotzdem jeden Tag eine Viertelstunde länger proben will,
kriegt er Ärger mit dem Chor. Wenn ein Regisseur aber gut
vorbereitet zur Probe kommt und erklärt, was er will, wenn
er seine Proben normalerweise in der ordentlichen Probenzeit, die
nun eben mal drei Stunden für eine Bühnenprobe beträgt,
schafft, und sich dann eine Probensituation ergibt, in der das
letzte Tüpfelchen auf dem „i“ fehlt, dann möchte
ich den Chor sehen, der nicht noch die fünf bis zehn Minuten
länger probt.
Wagner: Auch Ehrlichkeit muss sein.
Ich hatte schon Chorproben, bei denen ich wirklich gut vorbereitet
war, und dann plötzlich
gesehen habe, dass das, was ich mir ausgedacht hatte, schlecht
war. Da stellt man sich nicht vor den Chor und versucht, krampfhaft
etwas zu erklären. In einer solchen Situation muss man als
Regisseur die Ehrlichkeit haben zu sagen: „Leute, was ich
mir da theoretisch auf meinem Blatt Papier ausgedacht habe, ist
einfach nicht gut. Geht heim. Ich muss meine Hausaufgaben nachmachen.“ Diese
Ehrlichkeit, glaube ich, schätzt auch ein Chor. Wenn ich dann
merke, dass ich zehn Minuten länger brauche, ist mir noch
kein Chor abgehauen. Ich kann nicht wie eine Maschine funktionieren
als Regisseur.
Geißler: Frau Wagner, Sie
haben an kleineren Häusern
inszeniert, aber auch an größeren. Spürt man das
als Regisseurin, wenn an einem kleinen Haus weniger Luft da ist – und
mit Luft meine ich auch Zeit oder Etat? Oder schweißt das
gerade zusammen?
Wagner: Ich habe gerade an kleinen Häusern mit den Chormitgliedern
viel geredet. In Bremen sind wir nach der Probe immer noch Kaffee
trinken gegangen, was bei so riesigen Chören wie in Bayreuth
gar nicht in dieser Form möglich ist. Das war eine einzigartige
Zusammenarbeit. Ich muss sowieso sagen: Chöre machen so verdammt
viel. In Bayreuth beschmieren sie sich mit Farbe für mich
und in Bremen haben sie sich in Blut gesetzt. Die meckern überhaupt
nicht, und ich habe auch noch nie ein böses Wort gehört.
Das ist Spitze. Ich möchte nicht wissen, wie mancher Solist
schon gemault hätte. Es gehört aber auch zu den Aufgaben
eines Regisseurs, jeden Einzelnen als Menschen ernst zu nehmen.
Natürlich ist es ein Unterschied, ob man einen großen
Chor oder ob man kleinere Chöre hat. Das ist bei einem großen
Chor immer schwieriger, finde ich, weil man die Beziehung nicht
so aufbauen kann, wie man sie gerne aufbauen würde.
Zehelein: Ich möchte noch etwas Grundsätzliches ansprechen,
das wir in Frankfurt, Michael Gielen und ich, nicht gelöst
haben, das wir in Stuttgart haben lösen können. Das ist
die Frage der Arbeitsweise, der Unterschiedlichkeit von Arbeitsweisen.
In Frankfurt haben wir alle Versuche gemacht. Wir sind in den Chorsaal
gegangen, um die Dinge vorweg zu besprechen. Aber es hat nicht
funktioniert. In Stuttgart haben wir es hinbekommen. Der Stuttgarter
Staatsopernchor war ein geschlossenes Ensemble und man spürte,
dass der Chor unterschiedliche Arbeitsweisen, unterschiedliche
Angänge der Regisseure immer besser verstand. Es war allen
bewusst, dass die künstlerische Arbeit eines Regisseurs nichts
Austauschbares ist und manchmal noch nicht einmal so programmierbar,
wie das jeder von sich wünscht.
Bei all den Konflikten, die wir auch in Stuttgart im Chor hatten:
Es war ein so sinnvolles und so gutes Zusammenarbeiten, dass der
Chor Dinge gemacht hat, von denen ich hier gar nicht reden will
und zwar nicht, weil wir ihn ausgesetzt hätten, sondern weil
fast alle begriffen haben, dass das zu dieser Arbeit gehört.
Geißler: Wenn ich jetzt ein
bisschen zurückspiegeln
darf, was wir von Regisseuren gehört haben, was wir aus dem
Chor selbst gehört haben, von der Herausforderung, vor der
eine künstlerisch bewusst für ihre Mitglieder eintretende
Organisation steht: Welche Aufgabe hat die VdO, die Gewerkschaft,
in diesem Spannungsfeld unterschiedlich zerrender Kräfte?
Könemann: Diese Kräfte zerren natürlich auch in
einem selber, denn wir sind ja auch, Gerrit Wedel und ich, als
Juristen nicht zufällig im Theaterbereich gelandet. Dem gilt
ja auch unsere Liebe. Wir sind sicher auch nicht zufällig
Gewerkschafter: Unsere Aufgabe ist es, Arbeitsbedingungen, Mindestbedingungen
mitzuregeln. Es geht nicht ohne Regeln. Es mag hier und da einen
Arbeitergeber geben, bei dem es funktioniert. Aber generelle Regellosigkeit
führt zu Chaos. Andererseits sehe ich den Tarifvertrag in
seiner Praxis natürlich immer auch als Dilemma. Es braucht
diesen Tarifvertrag, aber ich sehe auch in meiner Beratungspraxis,
wenn sich Chorkollegen und -kolleginnen an mich wenden, dass er
vor der Kunst immer wieder versagt. Es gibt nicht den Tarifvertrag,
der alle Realitäten am Theater vernünftig aufgreifen
würde. Es ist für uns immer ein Spannungsfeld. Wir wollen,
dass Kunst entsteht. Wir wollen, dass unsere Mitglieder sozial
und materiell geschützt sind. Wir wissen, dass es am Theater
sehr, sehr lange Traditionen gibt, die teilweise unserem Schutzdenken
entgegenlaufen. Es ist immer wahnsinnig schwierig, da einen richtigen
Weg zu finden und wir müssen weiter gemeinsam dran arbeiten.
Wir werden als Gewerkschaft allein nicht die Lösung aller
Probleme hinkriegen. Unsere Aufgabe ist es, Rahmenbedingungen zu
schaffen – zusammen mit den Arbeitgeberverbänden und
auch mit denjenigen, die Kunst verantworten als Intendanten, als
künstlerische Leiter. Letzten Endes geht es darum, gemeinsam
das Beste für die Kunst und für die Künstler zu
erreichen.
Geißler: Bühne lebt und manchmal lebt sie auch sehr
gut, wenn sie bebt. Wir hoffen, dass es gute Schwingungen sind,
die diese Bühne immer zum Beben bringen, dass sich die Kollektive
und Individuen auf dieser Bühne weiter künstlerisch entfalten
können und, wie Klaus Zehelein es ja eingangs gesagt hat,
eine zweite Welt entwickeln, die ein bisschen anders ist als die
Welt, die im Moment die Theater einklemmt.
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