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Für ein Leben ohne Knechtschaft

Luigi Nonos „Al gran sole carico d‘amore“ in Leipzig · Von Michael Ernst

Am Vorabend des 20. Jahrestags der so genannten Friedlichen Revolution hat die Oper Leipzig „Al gran sole carico d’amore“ von Luigi Nono herausgebracht. „Unter der großen Sonne von Liebe beladen“, poetisch klingt der Titel auch auf deutsch. Im Vorfeld von Luigi Nonos Revolutionsfeier zu Texten von Marx, Lenin, Gorki und Dimitroff, von Rimbaud, Pavese und Brecht, von Tania Bunke, Fidel Castro und Che Guevara – da gab es schon aufgrund der mehr oder minder vorbelasteten Textlieferanten lautstarken Unmut in Leipzig, obwohl es nicht mal eine Neuinszenierung war, sondern die überarbeitete Fassung von Peter Konwitschnys 2004 in Hannover herausgekommener Produktion. Politische Oper scheint vielen suspekt, wohl gerade im Osten; Luigi Nono wirkt ob seiner bekenntnishaften Kommunismusgläubigkeit diskreditiert, und Neue Musik des späten 20. Jahrhunderts trifft immer noch auf erhebliche Vorbehalte. Nicht zuletzt ist „Al gran sole“ für alle Beteiligten von immensem Aufwand, insbesondere Solisten, Chor und Orchester sind permanent gefordert.

 
Chapeau der Leistung des Leipziger Opernchors. Foto: Andreas Birkigt
 

Chapeau der Leistung des Leipziger Opernchors. Foto: Andreas Birkigt

 

Wie es scheint, ist es Leipzigs Chefregisseur gelungen, allen Vorbehalten die Stirn zu bieten und sie weitgehend auszuräumen. Der Opernchor bewies sich als eines der besten Ensembles in Deutschland. Spielerisch und vor allem sängerisch bewältigte der von Sören Eckhoff einstudierte Chor auch die kniffligsten Untiefen seiner vielen Parts, die Damen und Herren müssen Konwitschny & Co. wohl wieder einmal erlegen sein. Schon dafür gebührt ihnen ein Gruppenapplaus. Chapeau auch dem Gewandhausorchester, dessen Leitung der bereits in Hannover überzeugende Dirigent Johannes Harneit exzellent übernahm. Im Ergebnis ist nicht nur eine anspruchsvolle und keineswegs immer homogene Partitur gekonnt umgesetzt worden, sondern erblühte Nonos Liebe zum schönen Klang – er bekannte sich stets zu Bellini („Wenn Gedanken erklingen, erklingen sie stets sehr hoch“) – in seiner meisterlich eigenständigen Diktion.

Auf diesem grandiosen Fundament einer musikalisch gefestigten Grundlage zimmerte die Regie ein Tableau aus dramaturgischem Witz und politischem Feinsinn. An keiner Stelle muss etwa befürchtet werden, die diktatorischen Schlagworte könnten zum Fanal geraten. Wo es sein muss, hilft ein Kasperletheater – und schon sind gesellschaftliches Oben und Unten ins Verhältnis gerückt. Beklemmender ist das Bild der Eingangsszene: der Bühnenraum voller Särge, aus denen sich megärenhaft die alten Ideen erheben, als wollten sie unter Beweis stellen, was von ihnen noch zu erwarten sein mag. Die Sargdeckel werden aus eigener Kraft beiseite geschoben, es erheben sich Finger, Hände, dann ganze Körper – und auf steht das geschundene Volk, zu kämpfen für ein Leben ohne Knechtschaft und Leid.

Konwitschny mag kein Pessimist sein, aber an eine gelungene Revolution glaubt er offenbar nicht. Die müsste erst noch erfunden werden, das sagt er auch aus den jüngsten Erfahrungen. In dieser Oper aber sind sie ineinander verwoben, die Pariser Commune, Russlands Oktoberrevolution, die 1953 gestartete kubanische Volks- und Partisanenerhebung, literarische Reflexe auf diese Ereignisse, theoretische Grundlagen dazu. Noch das vordergründigste Zitat wirkt nie banal, sondern sollte zum Nachdenken anregen und könnte zum Resultat führen: Eine andere Welt ist möglich. Eine bessere Welt. Nono wie Konwitschny setzen mit „Al gran sole“ der Schönheit, den Mädchen, den Frauen ein Denkmal. „Sind die Mütter revolutioniert, so bleibt nichts mehr zu revolutionieren“, wird mit Walter Benjamin apostrophiert. Der Rest ist Hoffnung, Utopie. Auf der Bühne gerät Widerstand in eine gnadenlose Unterdrückung, aus der es keinen Ausweg gibt. Das Volk steht zwischen zwei riesigen grauen Wänden, die sich aufeinander zubewegen. Bulldozer mit Menschenleibern vor sich, Gaskammern gar? Da hilft auch keine Fee mehr, die mit Zitaten aus dem „Kommunistischen Manifest“ das Volk eher verstörte.

Vier Frauen personifizieren die Schönheit und wechseln mehrfach die Rollen, bemerkenswert engagiert sind Marika Schönberg, Kathrin Göring, Soula Parassidis und Tanja Andrijic in persona und vokal zu erleben. In ihrer Mutterrolle beleidigt, entrechtet und dennoch ungebrochen, gibt Iris Vermillion eine Art Ur-Mutter – optisch und akustisch ein zentrales Moment dieses Abends. Ihr Sohn glaubt an den Aufstand und lässt dafür sein Leben. Tuomas Pursio mimt da ganz den gebildeten Helden, der den Funken überspringen lassen will. Doch es war und bleibt so eine Sache mit dem furchtsamen Volk – will es seine Ketten sprengen oder wiegt die Furcht vor der Knute nicht doch stärker?

Leipzig hat den Herbst 1989 in dem Haus gewürdigt, vor dessen Portal damals die Demonstranten machtvoll ihre Stimme erhoben und letztlich bewiesen, dass Änderung möglich ist. Und die Oper Leipzig, in der einst unter Joachim Herz eine ganze Ära inhaltsvollen Musiktheaters stattfand und dessen „Ring“ bereits eine fundamentale Kapitalismuskritik hervorbrachte, die Oper Leipzig, in der ab 1990 mit Udo Zimmermann zehn Jahre lang Lanze um Lanze für zeitgenössisches Opernschaffen gebrochen worden ist, die Oper Leipzig könnte endlich wieder den Anschluss schaffen und zu Recht unter die ersten Häuser gezählt werden.

Michael Ernst

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