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Grausamer als die Natur
Brittens „Peter Grimes“ in Düsseldorf · Von
Christian Tepe
Als im Juni 1945 „Peter Grimes“ in London uraufgeführt
wurde, sprach man sogleich von einer neuen Nationaloper. Erstmals
seit Purcell betrat mit Britten wieder ein englischer Komponist
von exzeptionellem künstlerischen Format die Weltbühne
der Oper. Und dies mit einem Stoff, der vielen wie ein realistisches
Abbild englischer Lebenswelten anmutete: ein explosiver Konflikt
zwischen Individuum und Gesellschaft, angesiedelt im herben Milieu
eines Fischerstädtchens an der Ostküste, das Ganze umspült
von der musikdramatischen Omnipräsenz des Meeres.
Nach über sechs Jahrzehnten fand Brittens Erfolgsoper nun
ihren Weg an die Rheinoper nach Düsseldorf. Der neue Generalintendant
Christoph Meyer und sein Team haben das Werk zu ihrer Eröffnungspremiere
ausersehen. Und das lange Warten hat sich gelohnt. In einer aufwühlenden
Inszenierung schält Regisseur Immo Karaman den Konfliktkern
des Werkes, die Feindseligkeit der Bürger von „The Borough“ gegen
den unbotmäßigen Sonderling Peter Grimes, aus seiner
naturalistischen Umhüllung heraus. Das spezifisch britische
Gepräge von Karamans Arbeit verdankt sich nicht länger
pittoreskem Lokalkolorit, sondern einem hintergründigen Spiel
zwischen Grauen und Groteske. Die häufig ins Mystische überhöhte
Meeresmetaphorik der Oper formt Karaman konsequent zu einem Sinnbild
für die Gefährlichkeit und Grausamkeit einer das Pogrom
nachgerade herbeisehnenden Gesellschaft um. Wie die Hochflut erobert
sich der Mob im Prolog allmählich die Szene. Aus den Versatzstücken
menschlicher Zivilisation, aus unzähligen Türen und Fenstern,
hat Bühnenbildner Kaspar Zwimpfer eine immer bedrohlicher
anschwellende Flutwelle gebaut, die im zweiten Akt Grimes‘ Hütte
schon fast vollständig unter sich begraben hat. Hier geht
es nicht um den Kampf des Menschen mit der Natur oder um die Indifferenz
der Natur und ihrer Elemente. Die Erbarmungslosigkeit der Menschen
wird zum alleinigen Thema. Fesselnd verkörpert der Chor der
Deutschen Oper am Rhein die Aggressivität der Menge: lauter
kleine, blasse, seelisch verkommene Kreaturen, deren Ressentiments
sich mit der Unerbittlichkeit eines Naturgesetzes bis zur finalen
Menschenjagd steigern. Chordirektor Gerhard Michalski hat die Sängerinnen
und Sänger mit gewohnter Akribie zu einem Optimum an vokaldramatischer
Expressivität und interpretatorischer Flexibilität geführt,
so dass die überaus dankbaren Chorszenen auch musikalisch
den stärksten Momenten des Abends zugehören.
Der Preis, den Karaman für sein ungemein spannend und triftig
umgesetztes Konzept zahlt, besteht im Verzicht auf eine differenziertere
Zeichnung der Charaktere. Alles ist bei ihm der Antithese zwischen
einer eigensinnigen Persönlichkeit und der deformierten Massenpsyche
untergeordnet. Brittens Darstellung der Menschen im Borough trägt
dagegen deutliche Spuren einer Art Hassliebe, bei der Verklärung
und Ächtung ganz nahe beieinander liegen. Für Karaman
bleibt von dieser Ambivalenz nur der Hass übrig. Chor und
Solisten bilden zusammen eine amorphe Menschenmasse von skurril-gespenstischer,
bloß schattenhafter Individualität. Selbst die Portraitierung
der Lehrerin Ellen Orford, die Grimes mutig beisteht und verteidigt,
ist noch von dieser Blässe überhaucht. Dazu passt es,
wenn Gun-Brit Barkmin aus den leuchtenden Melodiebögen Ellens
eher die herben und resignativen Akzente herausziseliert. Während
Karaman die Leute im Borough alle in eine Richtung typisiert, erarbeitet
er ein präzises Psychogramm des Titelhelden, wobei ihm mit
Roberto Saccà ein überaus erfahrener Sänger zur
Seite steht. Mit der eminenten Subtilität und Suggestivität
seiner klanglichen Nuancierungskunst und seiner eigenwillig timbrierten
Stimme zieht Saccà die Zuschauer in die unauflösbare,
fast unheimliche Rätselhaftigkeit dieser Außenseitergestalt
hinein. Nur der beklemmenden Wahnsinnsszene am Ende bleibt Saccà einiges
an darstellerischer Glaubwürdigkeit und existentieller innerer
Ekstase schuldig. Eine kathartische Wirkung will sich jedenfalls
nicht so recht einstellen.
Am Pult der Düsseldorfer Symphoniker stellt sich Axel Kober
als neuer Generalmusikdirektor der Deutschen Oper am Rhein vor.
Seine Partitur-Auslegung scheut, zumal in den orchestralen Zwischenspielen,
durchaus nicht den illustrativen, cineastischen Effekt. Die unerschöpflichen
Farbvaleurs werden von Kober zu einem frischen, transparenten und
rhythmisch agilen Klanggemälde zusammengeführt, wobei
ein Zuwachs an interpretatorisch nachschöpfender Originalität
noch denkbar erscheint. – Alles in allem ein gelungener Einstand
für das neue Team in Düsseldorf, wobei der größte
Anteil am Erfolg neben dem starken Chor der sehr individuellen
Künstlersprache Immo Karamans zukommt.
Christian Tepe
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