|

Ingo Metzmachers Begegnungen mit der Oper
Ingo Metzmacher: Vorhang auf! Oper entdecken und erleben. Rowohlt
Verlag Berlin, 2009. 223 S., 16,90 Euro, ISBN 978-3-87134-576-0
Angesichts des anstehenden Rückzugs aus dem Deutschen Symphonie-Orchester
Berlin könnte man es als nahe liegend bezeichnen, dass Ingo
Metzmachers Sehnsucht sich derzeit eher der Oper als der Symphonik
zuneigt. Vielleicht ist es aber auch purer Zufall, wenn gerade
jetzt ein Buch des Dirigenten erscheint, das sich – nach
seinem Plädoyer für die Moderne („Keine Angst vor
neuen Tönen“) – dem Musiktheater zuwendet. Der
gleichermaßen vollmundige wie nichtssagende Untertitel verrät
nicht, worum es bei dem gut 200-seitigen Band geht: Metzmacher
erzählt die Handlung von 14 Opern nach, die ihm besonders
am Herzen liegen. Hinzu kommt als 15. Kapitel der Ausblick auf
ein noch ungeschriebenes Werk (Wolfgang Rihms „Dionysos“)
und – in Fortsetzungen immer wieder eingeschoben – der
Bericht über die Entstehung der „Wozzeck“-Inszenierung
Peter Konwitschnys an der Hamburgischen Staatsoper (1998). Doch
dazu später.
Von Beginn an wird Metzmachers Anliegen deutlich, die Nacherzählung
der Handlung mit einer prägnanten Beschreibung der Musik zu
verbinden. Das klingt dann so: „Der Kampf beginnt. Ängstlich
hat der Diener sich verkrochen. Die beiden fechten. Heftig wogt
es hin und her. Der Herausgeforderte ist seinem Gegner überlegen.
Sein letzter Stich sitzt tief. Ein Schrei. Der Alte stürzt,
tödlich verwundet. Dann Stille. Nur ihre Stimmen bleiben.
Drei tiefe Männerstimmen singen ein Terzett. Sehr leise, in
ergriffenem Ton. Unter pochenden Triolen. Ihre Herzen schlagen
schnell. Dem Sterbenden kommen die Worte nur mühsam über
die Lippen, sein Gegner beweint kalt dessen Tod. Der Diener ist
verwirrt und ratlos. Drei Welten in einer Musik gefasst. Zu fallenden
Halbtonschritten haucht der Alte sein Leben aus.“
Wen dieses längere Zitat gefesselt hat, der kann getrost zu
Metzmacher greifen, der auch sonst Nebensätze nur in homöopathischen
Dosen verabreicht. Er wird dann das Vergnügen haben, nähere
Bekanntschaft mit Don Giovanni, Elektra, Jenufa, Don Carlos, einer
gewissen Lady Macbeth aus Mzensk sowie mit Tristan und Isolde zu
machen. Auf der Suche nach dem Fernen Klang wird er überdies
am Silbersee und an Herzog Blaubarts Burg vorbeikommen, nicht ohne
den Bassariden, den Soldaten, dem Freischütz und dem Orfeo
seine Aufwartung gemacht und mit den Karmeliterinnen dialogisiert
zu haben.
Wem Metzmachers Telegrammstil nicht zusagt, wird dagegen kaum
Freude an der Lektüre eines Buches haben, das außerdem bei
aller Souveränität des zusammenfassenden Zugriffs einen
im Kontext mit Monteverdi implizit selbst geäußerten
Anspruch nicht einzulösen vermag: die Essenz der Oper anschaulich
zu machen, die darin besteht, dass sie die Handlung, das Gesprochene
transzendiert und eben nicht ausmalt oder verdoppelt. In den streckenweise
packend erzählten und prägnant interpretierenden Inhaltsangaben
kommt aber – und insofern ist das Zitat nicht wirklich repräsentativ – die
musikalische Seite immer wieder zu kurz oder wird nur sehr vage
charakterisiert („Die Menge antwortet im Chor. Ein mächtiger
Gesang. Er geht durch Mark und Bein.“) An anderer Stelle
findet sich dann aber auch eine mutmaßliche Überforderung
der angepeilten Zielgruppe, wenn der Tristan-Akkord auseinandergenommen
wird, oder Informationen gegeben werden, deren Erkenntnisgehalt
in Ermangelung des Kontextes fraglich bleibt („Die Tonart
Es-Dur schimmert immer wieder durch.“) Am wenigsten erfährt
man über Henzes „Bassariden“-Partitur, am besten
gelingt die Verzahnung von Handlungsebene und Musik im „Blaubart“-Kapitel.
Trotz des Herzbluts für die Sache, das man auf jeder Seite
sympathisch spürt, würde das Fazit also gemischt ausfallen,
wären da nicht die „Wozzeck“-Einschübe. Wie
es Metzmacher hier gelingt, den Entstehungsprozess einer Inszenierung
von ersten zweifelnden Ideen bis hin zur premierentauglichen Produktion
zu schildern, ist unmittelbar fesselnd und dürfte Leser mit
unterschiedlichstem Vorwissen interessieren. Eine schöne Ergänzung
wären Fotos gerade von dieser Produktion und auch von den
anderen Aufführungen gewesen, auf deren Erfahrungen Metzmachers
Werkporträts beruhen. Die fehlen aber. Leider. Dennoch lesenswert.
Wozzecks wegen. Juan Martin Koch
|