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Das Unsichtbare auf der Bühne
Schönbergs „Moses und Aron“ bei der RuhrTriennale · Von
Georg Beck
Bochum, 22. August. – So frenetisch der Jubel am Ende, so
ungläubig das anfängliche Staunen. Ironisch hochgezogene
Augenbrauen im Premierenpublikum. Keine Bühne, kein Graben.
Zwei Zuschauerpodeste, die aneinanderstoßen. Sonst nichts.
Unsichtbarer Gott, unsichtbares Orchester. Und dann hebt es doch
an – das Spiel von Wortpathos und Bildersehnsucht, von sprödem
Geist und verführerischem Gold, von Tanz um den Popanz und
dessen Kritik daran. Die Wände verschwinden, die Tribünen
bewegen sich, eine Theateroffenbarung rollt ab. Aus dem Nichts
kommt die Musik. Ein Scheinwerfer findet den polierten Schädel
von Dale Duesing. Der gibt einen wenig repräsentationstauglichen
Mose, ganz der Typ, der bereit ist, dem, wie Schönberg einmal
schrieb, zeitgeistigen „Unterhaltungsdelirium“ die
Stirn zu bieten.
Die Kraft dafür kommt aus dem Dornbusch. Programmgemäß muss
er zischeln, nur dass er solches eben vor, hinter, neben uns tut.
Nicht allein Moses, auch die in unauffälliges Alltagsgrau
gekleideten Chorsänger hat Willy Decker (so einfach geht Theater)
in die Reihen platziert: die Emanzipation des Chores aus der Zwangsjacke
der Formation. Eine mutige, keineswegs risikolose Entscheidung,
sind die Stimmen doch nun ohne direkte Führung. Schlag und
Zeichen von Michael Boder am Pult der Bochumer Symphoniker gibt
es einzig per Monitorzuspielung. Und doch. Alles sitzt wie angegossen.
Das Sängerische, dies vor allem bestätigt ein fulminanter
zweiter Akt, wird zum Bestandteil des Darstellerisch-Dramatischen.
Bloß singen war gestern. Sensationell, wie das von Rupert
Huber einstudierte ChorWerk Ruhr von Anfang an die alten Häute
gediegenen Vortragsrituals abstreift, wie es bereit ist für
eine Tour de Force, die jedem und jeder dieses (semiprofessionellen)
Chores buchstäblich alles abverlangt.
Zumal wenn Decker auf den Knopf drückt, um mit Hilfe der
seit Zimmermanns „Soldaten“ unter Jürgen Flimm
eingeführten Triennale-Technik Volk und ChorWerk Ruhr den
dringend benötigten Raum zu schaffen. Wände gehen auf,
Podeste weichen zurück wie die Wasser im Roten Meer. Triumph
der Technik. Zum fahrenden Publikum, diesem Markenzeichen der RuhrTriennale,
hat Willy Decker nun auch das fahrende Orchester erfunden. Zur
Eröffnung der großen Tanz- und Opfer-Szene im zweiten
Akt darf es im Schneckentempo von links nach rechts gleiten, während
in umgekehrter Richtung der Popanz des Kalbs durch die Musikerreihen
getragen wird.
Ein wunderbares Bild der Verehrung für das Herz dieser Oper.
Doch es steckt eine Paradoxie darin. Um des grandiosen Moments
des majestätischen Symphoniker-Einzugs willen muss das Orchester
aus der Kulisse kommen, in dieselbe verschwinden. Schönbergs
genial-sinnliche Instrumentation, die das Göttliche wie die
Entfernung davon als Klang ausdrückt, erscheint blass, die
Musik konturenarm. Über weite Strecken steht ein ebenso unaufdringlich
wie präzise dirigierender Michael Boder einem Fernorchester
vor. Und das unheimliche orchestrale An- und Abschwellen nach den
verzweifelten Schlussworten Moses‘ verliert sich in den Tiefen
der Jahrhunderthalle. Es ist dies der Wermutstropfen in einer Inszenierung, der RuhrTriennale-Intendant
Willy Decker einen faszinierenden, die Details achtenden Spannungsbogen
eingeschrieben hat. Dabei wird nichts aktualisiert, politisiert,
kostümiert. Noch die Konkretion der Bilder wahrt die Mitte
zwischen konstruktiver Strenge und sinnlichem Scheinen. Sei es,
dass Deckers bewährter Bühnenbildner Wolfgang Gussmann
die unter der Fron stehenden Israeliten in einen sich absenkenden
Gazekäfig zwingt. Sei es, dass Moses, zurückgekehrt vom
Gang über den Sinai-Schnürboden, die Tafeln der Weisung
als überdimensionierte Lesetapete hinter sich herschleift.
Letztere wird er stehenden Fußes zerreißen, wenn der
Eigenbrötler von seinem Bruder Aron („Auch deine Worte
sind Bilder!“) die Leviten gelesen bekommt, jenem leidenschaftlichen
Menschenfreund, dem Andreas Conrad seine höhensichere, in
ihrer Strahlkraft nie nachlassende Tenorstimme leiht.
Am Ende sind sie beide, Moses und das widerspenstige Volk, in
einer Art posttraumatischem Ernüchterungszustand vereint. In Katerstimmung
aus dem Gedankendelirium erwacht der Eine, durchgeschüttelt
vom Rausch der Sinne die Anderen. Nichts geht mehr zusammen. Was
bleibt, ist eine an der Werkhöhe einer Jahrhundertoper maßnehmende
Jahrhunderthallen-Inszenierung, in der alles belebt wirkt, geschmeidig
ist. Die Elemente nicht an den Kanten zugekleistert, vielmehr subkutan
verwoben. Etwa, wenn die Regie für die blutige Raserei im
zweiten Akt, in der sich ja jede symmetrische Choreografie verbietet,
eine Minitruppe professioneller Tänzerinnen und Tänzer
unter die Chorsänger schmuggelt. Und doch macht auch diese
Schützenhilfe kaum plausibel, wie es gelungen ist, die ausnahmslos
jungen Sänger ohne gravierende musikalische Abstriche in eine
Orgie zu treiben, in der die nackten Körper hin- und herwogen
wie Schilfrohr im Wind.
Nicht allein die Fülle der von Decker nie voyeuristisch choreografierten
Gruppenbilder, es ist ihre explosionsartige Dynamik, die Staunen
macht. Denn schnell legen die Chorwerker das Gesittete von brav
vor sich hin rumorenden Pharao-Sklaven ab, stürmen wie Furien
los, rasen die Treppen hinauf und hinunter, bilden Kreise, Schlangen,
amorphe Haufen, um doch in keinem Moment ihre Mission zu vergessen,
Stimme zu sein. Ohne die exzellenten Leistungen der Solisten zu
schmälern, ohne zu unterschlagen, wie unbeirrt die Bochumer
Symphoniker der verordneten Marschroute kontrollierter Präsenz
folgen – der Sensationserfolg dieser Inszenierung ruht auf
den Schultern dieses Chores. Georg Beck
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