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Ein Fest der großen Chöre
Opern-Neuheiten bei den Salzburger Festspielen · Von Gerhard
Rohde
Zu einem großen Festspiel gehören nicht nur große
Solisten, sondern von Zeit zu Zeit auch zentrale Aufgaben für
große Konzert- und Opernchöre. Die diesjährigen
Salzburger Festspiele hielten für den Chor gleich drei zentrale
Projekte bereit. Zum Festspielauftakt trat der Bachchor Salzburg
in einer von Christof Loy inszenierten Aufführung von Händels „Theodora“ auf
und beeindruckte durch seine sängerische Flexibilität
und Ausdruckskraft ebenso wie durch seine Spielintensität.
Die Szenen, in denen der „Chor“ sich zu heftig erregten
Gruppierungen förmlich ballt, verliehen dem Drama der Theodora
eine starke Expressivität. Auch vokal präsentierte sich
der Bachchor auf hochrespektablem Niveau.
In Rossinis „Moïse et Pharaon“ und in Luigi Nonos „Al
gran sole carico d‘amore“ hatte die Konzertvereinigung
Wiener Staatsopernchor zweimal Gelegenheit, ihre sängerischen
Qualitäten zu demonstrieren. Musikalisch grandios gelang vor
allem Nonos „Szenische Aktion“, während die Inszenierung
Katie Michells mit ihrer technisch perfekt organisierten Video-Ästhetik
insgesamt doch sehr anekdotisch, fast idyllisch geriet: Nonos Revolutionärinnen
in der Wohnküche beim Gemüseputzen, gelegentlich einen
Revolver oder eine Flinte bereitlegend, was dann aus dem Mini-Kabinett
auf die Riesen-Videowand projiziert wurde.
Dabei war das musikalische Aufgebot allein schon imponierend augenfüllend:
Die Wiener Philharmoniker die Felsenreitschule in voller Breite
ausfüllend, das umfangreiche Schlagwerk hoch oben links auf
einem eigenen Podest, unter der Videowand der stark besetzte Chor,
von James Wood perfekt einstudiert, sowie die solistischen Sänger
und Sängerinnen. Ingo Metzmacher erwies sich als souveräner
Herrscher über die Aufführung. Sein Weitblick, die kluge
musikdramaturgische Disposition, schließlich seine unbestreitbare
Partitur-Kompetenz führten Orchester und Chor zu beeindruckenden
Leistungen. Ehrlich gesagt: Im Vorfeld hatte man leise Befürchtungen,
ob sich das Wiener Paradeorchester und auch der Wiener Staatsopernchor
wirklich und mit innerer Überzeugung für das schwierige
Werk so engagieren würden. Das taten sie aber in einer über
jeden Zweifel erhabenen Weise. Und da auch die Besetzung der Gesangspartien
keine Wünsche offenließ, stand einer festspielwürdigen
Aufführung nichts mehr im Wege: Elin Rombo, Anna Prohaska,
Tanja Andrijic, Sarah Tynan, Virpi Räisänen überboten
sich in schwindelerregenden Sopranregionen an klanglicher Feinabstimmung
und Expression. Susan Bickleys Alt strahlte mit Klang-und Ausdrucksfülle,
und auch die Herren Peter Hoare (Tenor). Christopher Purves (Bariton)
sowie André Schuen und Hee-Saup Yoon (Bass I und II) ließen
keinen Wunsch offen. Fazit: Nur mit Aufführungen wie dieser
musikalisch grandiosen, szenisch zumindest diskutablen Nono-Produktion
können sich die Salzburger Festspiele als „Festspiel“ legitimieren,
weil sie sich damit aus den Niederungen sommerlicher „Events“ und
des „normalen“ Opernbetriebs erheben.
Für die Aufführung von Rossinis „Moïse et
Pharaon“ trifft das hohe Lob leider nicht uneingeschränkt
zu. Verdienstvoll war es zunächst, statt des populäreren „Mosè in
Egitto“ von 1818 die spätere französische Fassung
als „Moïse et Pharaon“ zu wählen: Solche
Exklusivität steht einem Festival wohl zu Gesicht. Allerdings
hatte Riccardo Muti das Werk vor fünf Jahren schon in Mailand
mit Luca Ronconi herausgebracht. Rossinis stark oratorisch angelegte
Zweitkomposition des Stoffes hält besonders für den Chor
eindrucksvolle Auftritte bereit, die vom Wiener Konzertchor unter
Thomas Lang mit vollem Stimmklang und zum Teil feinen Klangschattierungen,
auf die Muti stets großen Wert legt, realisiert wurden.
Nun weiß man aus unendlich vielen anderen Darstellungen
großer Choropern, dass ein Opernchor außer der musikalischen
auch eine entsprechende szenische Herausforderung braucht, um zu
Höchstform aufzulaufen. Als Jürgen Flimm seinerzeit in
der Gielen-Ära in Frankfurt Nonos „Al gran sole“ inszenierte,
fiel dem aktiv auf der Szene mit agierenden Chor eine entscheidende
Rolle zu. Nach anfänglichen Zweifeln und angesichts der großen
Schwierigkeiten mit der Partitur lief der Frankfurter Chor zu großer
Form auf, so dass sich bei den Sängerinnen und Sängern
am Ende der Vorstellungsserie Traurigkeit ausbreitete: Es war doch „ihre“ Aufführung.
Eine derartige Herausforderung für den Opernchor stellte
Jürgen Flimms „Moïse et Pharaon“-Inszenierung
nun leider nicht dar. Steh- und Schreit-Theater, Auftritt – Abgang,
malerisches Hinlagern des Chor-Volkes, wenn das Unglück über Ägypten
hereinbricht – keine Andeutung eines Erschreckens. Man kennt
Mutis Verlangen nach einem Chor an der Rampe: „Come nearer.
Look to me!“ Aber so abgestanden muss selbst eine traditionell
inszenierte Opernaufführung nicht wirken. Muti poliert eine
schöne, kalte Oberfläche, zeichnet mit den Wiener Philharmonikern
sorgfältig melodische Linien und klangfarbliche Details nach,
doch bei allem Raffinement bleibt die Aufführung über
weite Strecken spannungslos, weil sich zwischen Musik und szenischer
Darstellung keine entsprechenden Korrespondenzen, sei es als Übereinstimmung,
sei es als Kontrapunkt, herstellen. Das überträgt sich
natürlich auch auf die Sänger: Sie funktionieren als
Stimmträger, nicht als Dramatis personae. Ildar Abdrazakov
als Moïse, Nicola Alaimo als Pharaon und Marina Rebeka als
zwischen Glauben und Liebe zerrissene Anai sichern der Aufführung
wenigstens vokale Qualitäten.
Gerhard Rohde
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