|

Wo werden Sie mit Sicherheit fündig, wenn Sie nach einem
Wort mit 40 Buchstaben suchen? Richtig: im Amtsdeutsch! Zum Beispiel
gibt es hier das schöne Wort „Frequenzbereichszuweisungsplanverordnung“.
Was sich hinter diesem Wortungetüm verbirgt, ist ein wesentlicher
Baustein in der Umsetzung der Breitband-Initiative der Bundesregierung,
die seit einigen Jahren die Neuordnung aller Funkfrequenzen in
Deutschland im digitalen Zeitalter verfolgt. Vorrangiges Ziel:
ab 2011 mehr Mobilfunk und mehr Breitband-Internetzugang für
alle, insbesondere in schwach besiedelten Gebieten, in denen eine
entsprechende Verkabelung wirtschaftlich unrentabel ist. Möglich
wird das durch die „digitale Dividende“, die – untechnisch
gesprochen – dadurch entsteht, dass durch die Umstellung
des Rundfunks auf digitale Signaltechniken und die stufenweise
Einstellung der analogen Programmverbreitung Frequenzbereiche freiwerden,
die – so die derzeitige Planung – im Frühjahr
2010 versteigert werden sollen.
Und was – neben den oben genannten durchaus unterstützenswerten
Zielen – das Schöne daran ist: es bringt Geld für
das geschundene Staatssäckel. Wir erinnern uns an das Jahr
2000, in dem der damalige Finanzminister Hans „im Glück“ Eichel
durch die Versteigerung der neuen UMTS-Frequenzen innerhalb weniger
Tage sage und schreibe 50,8 Mrd € für den Bundeshaushalt
einstreichen konnte. So viel wird es diesmal nicht annähernd
werden, schon weil die Frequenzvergabe mit erheblichen Auflagen
hinsichtlich bestimmter Versorgungsnotwendigkeiten verbunden sein
wird. Dennoch: ein spürbares Sümmchen wird´s schon
sein.
Was hat das nun alles mit dem Theater zu tun? Etwa die Aussicht
auf neue Finanzierungsmöglichkeiten? Nein, im Gegenteil: Es
drohen Mehrkosten in dreistelliger Millionen-, für die gesamte
Veranstaltungsbranche sogar in Milliardenhöhe. Ein wesentlicher
Teil der „digitalen Dividende“ liegt nämlich in
den UHF-Kanälen 61 bis 69. Hier pflegten bisher das Fernsehen
und die Drahtlos-Mikrofonie eine friedliche Koexistenz. Klangliche
Effekte und Verstärkungen durch drahtlose Mikrofonanlagen,
insbesondere mit Mikroports, sind ein aus dem heutigen Theateralltag
nicht hinweg zu denkendes Gestaltungsmittel. Der Betrieb dieser
Anlagen aber ist durch die beabsichtigte Neuordnung, durch die
diese Kanäle dem Mobilfunk zugeschlagen werden sollen, unmittelbar
und massiv bedroht – obwohl er nach bisheriger Rechtslage
bis 2015 als garantiert galt.
Um die Größenordnung zu verdeutlichen: In Theatern,
Kongresszentren, Universitäten etc. kommen heute in Deutschland
ca. 700.000 Drahtlos-Mikrofone zum Einsatz, die, wenn die Pläne
uneingeschränkt umgesetzt würden, von nützlichen
Kommunikationsmitteln zu Luxus-Sondermüll mutieren würden
und kurzfristig kostspielig ersetzt werden müssten. Eine Beispiels-Untersuchung
hat erwiesen, dass diese Ersatzbeschaffung allein für die
städtischen Einrichtungen der Stadt Hannover mindestens 1,6
Millionen Euro kosten würde. Ein kleineres Drei-Sparten-Theater
müsste nach Einschätzung des Deutschen Bühnenvereins
mit Umrüstungskosten von 300.000 Euro rechnen, einer Summe,
die viele der ohnehin schon Not leidenden Häuser in den Bankrott
treiben würde. Selbst die genannten Zahlen sind vor dem Hintergrund
mit Vorsicht zu genießen, dass es bislang weder marktfähige
digitale Drahtlos-Mikrofone des erforderlichen Qualitäts-Standards
gibt noch feststeht, welche Frequenzbereiche denn hier zukünftig
zur Verfügung stehen sollen. Doch damit nicht genug: Die Bundesnetzagentur
plant, für die bisher gebührenfrei zu betreibenden Drahtlos-Mikrofone
eine Gebühr in Höhe von ca. 130 Euro zu erheben – pro
Stück und Monat.
Zudem wäre, selbst wenn es für die Drahtlos-Mikrofonie
in den bestehenden Kanälen zu einem Moratorium käme,
ab 2011 mit erheblichen technischen Problemen zu rechnen: Der Mobilfunk
muss mit erheblich höheren Signalstärken arbeiten als
der Rundfunk, worunter die Trennschärfe der Frequenzbereiche
leidet. Schon ein einziges Handy in der näheren Umgebung,
das auf einem benachbarten Frequenzbereich funkt, könnte eine
Theater-Aufführung empfindlich stören.
Noch ist nichts endgültig verloren. Der nächste Schritt
ist die Entscheidung des Beirats der Bundesnetzagentur über
das Vergabeverfahren, die im Oktober ansteht. Der Bundesrat hat
immerhin in seinem Beschluss vom 12. Juni auf die Problematik der
Drahtlos-Mikrofonie hingewiesen und eine Lösung angemahnt.
Was bleibt, ist die Sorge, dass die Politik der Versuchung erliegt,
um der (vor)schnellen Realisierung von Partikulärzielen und
Gewinnerwartungen willen den Kultur- und Veranstaltungsbereich
zu opfern. Um den größten Schaden abzuwenden und in
einem auf die technische Forschung und Entwicklung Rücksicht
nehmenden Zeitplan einen ausgewogenen Kompromiss zu finden, hat
sich Ende 2008 die Initiative APWPT (Association of Professional
Wireless Production Technologies) gebildet, der unter anderem der
Deutsche Bühnenverein und der Verband Deutscher Tonmeister
angehören. Wir wünschen ihr Erfolg! Tobias Könemann
|