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A Singing Sky in München
Sängerbilanz beim ARD-Musikwettbewerb · Von Eckart
Rohlfs
Vor 57 Jahren gründete die Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten
unter der Federführung des Bayerischen Rundfunks in München
ihren Musikwettbewerb, der sich wechselnden Kategorien widmet.
Er ist einer der weltweit wichtigsten Wettbewerbe, hochgeschätzt
hinsichtlich seiner Kompetenz und Preisausstattung. Insgesamt 112.400
Euro, für jede Kategorie 22.500 Euro, gestückelt mit
5.000, 7.500 und 10.000 Euro. Dazu stattliche Sonderpreise, Stipendien
und eine Weiterbetreuung durch nachfolgende Konzerte im Zusammenwirken
mit weiteren Partnern. Allerdings bangt der Bayerische Rundfunk
um die Weiterführung seines vor einigen Jahren eingeführten
anschließenden ARD-Preisträger-Festivals.
Unter den vielen Wettbewerben für musikalischen Nachwuchs
gehört der ARD-Wettbewerb zweifellos zu den anspruchvollsten.
Sologesang war in den ersten vierzehn Jahren des ARD-Wettbewerbes
jedes Jahr, danach zweijährlich ausgeschrieben. Ab 2003 reduzierte
sich der Gesang auf einen dreijährigen Turnus. Nahezu 200
Sängerinnen und Sänger kamen bislang mit einer Siegerurkunde
aus München nach Hause, darunter sind Namen wie Siegmund Nimsgern,
Jessey Norman, Thomas Quasthoff, Anne Sofie von Otter, Francisco
Araiza. Die Ansprüche und damit auch die Anforderungen an
die Kandidaten in diesem Wettbewerb sind angesichts weltweit wachsender
künstlerischer Konkurrenz nach und nach gestiegen. Waren Oper
und Lied/Oratorium bislang getrennte Wertungen, so konnten die
Gattungen in diesem Jahr lediglich als Schwerpunkt gewählt
werden. Diesmal wurde jedoch im Finale nach Damen- und Herrenstimmen
getrennt.
Der ARD-Wettbewerb dient nicht mehr dazu, eine stimmliche Begabung
zu testen. Wer sich hier bewirbt, weiß, dass professionelles
Niveau gefordert wird, nicht nur ein abgeschlossenes Studium, sondern
praktische Erfahrung im Konzert und auf der Bühne. Das heißt,
allerhöchste künstlerische Standhaftigkeit und Personalität
zeigen zu können und sich bewähren bei der Vielfalt der
Anforderungen. Verschiedene Stile und Epochen und unterschiedliche
Werkgattungen verlangen stimmliche und dramaturgische Mobilität
und das Reagieren auf variierende Stimmanforderungen entsprechend
der jeweiligen Literatur. So verlangt der Schwerpunkt Konzert Lieder
aus vier verschiedenen stilistischen Epochen zwischen Klassik und
Gegenwart, darunter auch Schubert-Lieder, zwei Konzert- oder Oratorienarien,
dazu zwei Opernarien aus Barock und Klassik. Im Schwerpunkt Oper
sollen die Kandidaten zwölf Opernarien aus sechs Epochen bereithalten
und dabei auch das deutsche, italienische und französische
Repertoire bedenken. Dazu fünf Lieder, mindestens eines von
Schubert, und zwei Oratorienarien. Zur bewusst kurzfristigen Erarbeitung
erhielten alle Kandidaten die Auftragskomposition des Wettbewerbes;
John Woolrich schrieb „A Singing Sky“, eine Komposition über
das Singen und die Vergänglichkeit des Seins, mit der die
wenigsten Kandidaten interpretatorisch etwas anzufangen verstanden.
Nur einer überzeugte: Der Deutsche Falko Hönisch verstand
daraus eine launische, dramatische und spannende Geschichte zu
gestalten, wofür er den Sonderpreis erhielt.
Um ganz verschiedene Komponenten ginge es bei der Bewertung, betonte
der Theaterwissenschaftler Jens Malte Fischer als Vorsitzender
der Gesangsjury. Musikalität und Technik seien nicht die einzigen
Kriterien. Wichtig sei auch, gerade beim Sänger, wie er sich
dramaturgisch präsentiert. Und jede Interpretation verlange
auch stilistische Anpassung an das jeweilige Werk. Addition und
Mittelwerte der individuellen Bewertungen von acht Fachexperten
ergeben schließlich das Urteil der Jury: Lado Ataneli (Georgien),
Grace Bumbry (USA), Irwin Gage (Schweiz), Cheryl Studer (USA),
Robert Tear (Großbritannien), Julie Kaufmann (USA) – sie
war eigentlich überhaupt nicht zufrieden mit dem Niveau dieses
Gesangswettbewerbes – sowie Konrad Jarnot (Großbritannien) – er
beklagt, dass insbesondere bei Liedern die Sprachbehandlung allzu
oft vernachlässigt würde.
Insgesamt 47 Sängerinnen und Sänger aus 15 Nationen listet
das Programmbuch auf. Südkorea, mit neun Sängerinnen
nach Deutschland (mit elf) das am stärksten vertretene Land,
macht in diesem Jahr ganz besonders auf sich aufmerksam. Vier Koreanerinnen
kommen ins Semifinale, drei ins Finale. Bis ins Semifinale gelangten
zudem Bewerber aus Großbritannien, Mexiko und Australien.
Keine der neun deutschen Damenstimmen kam über die zweite
Runde hinaus.
Nur zwei Deutsche, beide Jahrgang 1977, trifft man im Finale.
Begleitet vom Münchner Rundfunkorchester unter John Fiore
präsentieren sie sich und überzeugen: Der Bariton Falko
Hönisch, in Stuttgart, Karlsruhe und Lübeck ausgebildet,
kann zu seinen bisherigen Trophäen den dritten Preis des ARD-Wettbewerbes
hinzufügen. Der Oper zugewandt ist der Bass Wilhelm Schwinghammer,
der den zweiten Preis gewann. Das Publikum war zwischen beiden
hin- und hergerissen, folglich war die Teilung des Publikumspreises
gerechtfertigt. Auf die Vergabe eines ersten Preises für die
Herren hatte die Jury verzichtet. Dagegen gab es einen unumstrittenen
ersten Preis für Gesang bei den Damen für die Australierin
Anita Watson, die mit ihrer liebreizenden, warmen Stimme faszinierte
Das Erste sendet am Sonntag 4. Oktober in ARD-exclusiv eine Reportage über
den ARD-Musikwettbewerb. Das Abschlusskonzert vom 18. September
wird am 3. Oktober im Bayerischen Fernsehen gesendet. Das Fach
Gesang wird im Jahr 2012 wieder Wertungskategorie beim ARD-Wettbewerb
sein.
Eckhart Rohlfs
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