
Ausbildungsfach Opernchor
Margot Ehrlich und Enrico Schubert über das Opernchorstudio
Dresden
In der Ausgabe 4/09 von „Oper&Tanz“ erschien in
der Rubrik „namen & fakten“ die Meldung zur Schließung
des Opernchorstudios Dresden. Hier nun das angekündigte Interview,
das Barbara Haack mit Margot Ehrlich, Bundesvorsitzende der VdO
und Mitglied des Chores der Sächsischen Staatsoper, sowie
Enrico Schubert, Leiter des Studios, führte. Der Intendant
der Sächsischen Staatsoper, Gerd Uecker, bat aufgrund der
Nachricht im letzten Heft um eine „sachliche und ausgewogene
Darstellung“ des Sachverhalts. Seine Stellungnahme lesen
Sie auf der nächsten Seite.
Oper&Tanz: 20 Jahre lang gab es in Dresden das Opernchorstudio – eine
Kooperation zwischen der Musikhochschule Dresden und der Sächsischen
Staatsoper. Aufgabe des Studios war die Ausbildung von Opernchorsängern
und die frühzeitige Integration in die Chorarbeit auf der
Bühne. Welche Bedeutung hatte das Studio aus Sicht der VdO?
Margot Ehrlich: Aus Sicht der VdO war es ein
Glücksfall. Wir
hatten die Chance, unseren Berufsstand in einer eigenständigen
Ausbildung stärker in den Vordergrund zu rücken. Das
war für uns besonders wichtig, weil der Stand eines Chorsängers
an einem Theater als weniger wertvoll angesehen wird, als er es
eigentlich ist. Der Opernchor kann maßgeblich am Gelingen
oder Nicht-Gelingen einer Oper beteiligt sein. Je besser die Leute
ausgebildet sind und je bewusster sie sich für den Beruf entschieden
haben, desto tragfähiger ist die Wirksamkeit dessen, was sie
einbringen können.
O&T: Ist es sinnvoll, junge Sänger dazu zu animieren,
sich gleich zu Beginn ihres Studiums für das Fach Opernchor
zu entscheiden?
Ehrlich: Ich finde es gut, wenn man sich bewusst für die Tätigkeit
des Chorsängers entscheidet und nicht nur, weil es nicht zum
Solisten gereicht hat. Eine solche Einstellung ist unangemessen,
weil sie die Anforderungen, die an den Beruf gestellt werden, nicht
ausreichend berücksichtigt. Qualitativer Nachwuchsmangel
O&T: Herr Schubert, Sie haben
das Opernchorstudio geleitet. Was war aus Ihrer Sicht seine wesentliche
Bedeutung?
Enrico Schubert: Ausgangspunkt
für die Gründung war der
gravierend einsetzende Mangel an qualitativem Nachwuchs. Wir haben
mit dem Opernchorstudio einen Baustein geschaffen, der neben der
Hochschule durch eine praxisorientierte Ausbildung zusätzlich
Chorsänger ausbildete.
O&T: Viele Absolventen des
Opernchorstudios singen jetzt im Chor der Sächsischen Staatsoper. Wie hat sich das auf das
Klangbild ausgewirkt?
Ehrlich: Es hat uns ungemein geholfen,
das Klangbild des Staatsopernchores zu erhalten. Die Studenten
wurden schon ab
dem zweiten Studienjahr
in den Chor integriert. Man kann als Solist noch so gut sein, aber wenn man sich nicht
in ein Ensemble einfügen kann, ist man als Chorsänger
nicht geeignet.
Schubert: In den so genannten „Problemstimmgruppen“ (1.Sopran/2.Alt/1.Tenor/2.Bass)
konnten wir außerdem die immensen Lücken, die vorher
bestanden hatten, mit unseren Studenten schließen.
O&T: Frau Ehrlich, haben Sie
von Kollegen Rückmeldungen
bekommen, die sich dafür einsetzen wollen, ähnliche Projekte
zu initiieren?
Ehrlich: Die Kollegen der VdO halten
das Opernchorstudio für
wichtig und würden sich wünschen, ein solches Projekt
auch an anderen Hochschulstandorten starten zu können. Das
ist aber eine Frage des Geldes. Und es bedarf jeder Menge Arbeit,
so ein Opernchorstudio zu organisieren. Oft war es auch ein Gewinn
für die älteren Chorsänger. Man hatte die Möglichkeit,
seine Erfahrungen weiterzugeben und war gefordert, sich in der
Arbeit zu disziplinieren. Die jungen Leute schauen doch sehr genau
hin, ob sich die älteren Kollegen wirklich so einbringen,
wie es immer gezeigt wird. Schließung im Sommer
O&T: Seit dem Sommer gibt es
das Opernchorstudio nicht mehr. Wie ist es dazu gekommen? Ist die
Haushaltskonsolidierung
der Oper
die einzige Begründung?
Schubert: Nein. Nach offizieller
Mitteilung führten folgende
Gründe zur Schließung des Opernchorstudios: Neben Kosteneinsparung,
Reduzierung der Chorstellen in den nächsten Jahren, der Auffassung,
dass es nicht zu den Aufgaben eines Opernhauses gehört, Chorsänger
auszubilden, und durch die Umstellung auf Bachelor- und Masterausbildung
an der Musikhochschule sei das Opernchorstudio nicht mehr zeitgemäß. O&T: Was bedeutet das für das Haus und den Chor?
Schubert: Wir werden jetzt die
Vorsingen und die Bewerbungen abwarten. Wir haben für bestimmte
Stimmgruppen Stellen ausgeschrieben und werden dann sehen, ob wir
sie besetzen können. Auf jeden
Fall wird der Chor in den nächsten Jahren verkleinert.
O&T: Wie sehen das die Mitglieder des Opernchores?
Ehrlich: Mit gemischten Gefühlen. Denn irgendwann wirkt sich
die Altersstruktur selbst eines großen Chores auf die Qualität
aus. Erfahrung allein reicht ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht
mehr, man muss auch körperlich topfit sein. In einigen Stimmgruppen
rücken die Kollegen dem Pensionsalter näher und wenn
wir dafür keine jungen Leute engagieren können, wird
das früher oder später Auswirkungen auf die Qualität
und Belastungsfähigkeit des Chores haben.
Schubert: Mit den Studenten des
Opernchorstudios konnten zum Beispiel Krankheitsfälle im Staatsopernchor abgefedert werden. Wir
haben in vielen Jahren dank des Opernchorstudios deutlich weniger
Gäste benötigt. Darauf werden wir jetzt wieder verstärkt
zurückgreifen müssen.
O&T: Wie waren die Reaktionen
in der Stadt Dresden? Gab es überhaupt öffentliche
Resonanz?
Schubert: In mehreren Zeitungen
sind Artikel erschienen, aber direkte Resonanz gab es leider zu
wenig.
Ehrlich: Das ist unser Kardinalproblem:
Der Berufsstand des Opernsängers
wird in der Öffentlichkeit nicht bewusst wahrgenommen.
Ausbildung zum Opernchorsänger
O&T: Wie sieht es mit der Ausbildung
zum Opernchorsänger
in Deutschland generell aus?
Schubert: Neben den Musikhochschulen
gab es mehrere Projekte in Deutschland, zum Beispiel in Köln und Meiningen, aber diese
existieren aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr. Im Augenblick
gibt es nur eine private Ausbildungseinrichtung in Hamburg, die
mit der dort ansässigen Musikhochschule zusammenarbeitet. Ehrlich: Der Beruf des Opernchorsängers verlangt gut geschulte,
stilistisch sichere und belastbare Sänger. Die bekommt man
aber nur, wenn man sie zielgerichtet in diese Richtung ausbildet.
Ein Chorsänger muss alle Stilrichtungen in der nötigen
Qualität singen können. Jeder Regisseur will auf der
Bühne junge Menschen haben. Junge, schöne, flexible und
bewegliche Menschen. Ein Chorsänger muss sich außerdem
in ein Ensemble integrieren können. Ein guter Opernchor ist
nur gut, wenn er homogen ist. Was nutzt ein hervorragend ausgebildeter
Sänger, der sicherlich Engagement zeigt, aber so viel Einsatz,
dass es den Chorklang stört!
O&T: Was müsste man tun, um das Fach Chorgesang für
Studienanfänger attraktiver zu machen?
Schubert: Das ist ein heißes Eisen. Meiner Ansicht nach gibt
es zu wenig Pädagogen an den Hochschulen, die nicht nur Studenten
mit solistischen Begabungen erkennen und fördern, sondern
darüberhinaus auch junge Menschen befähigen und motivieren,
mit ihrer Begabung in einen guten Chor zu gehen. Helfen würde
dabei im Studium die Vergabe von Praktika in Opernchören.
Der Spruch, dass eine Hochschule mit zwei bis drei gut ausgebildeten
Solisten im Jahr bestehen kann, mit zehn ebenso gut ausgebildeten
Chorsängern dagegen nicht, höre ich aus den unterschiedlichsten
Gegenden in Deutschland leider immer noch! Dabei gibt es auch junge
Leute, die nicht Solisten werden wollen, sondern sich auch in einem
guten Chor einbringen möchten.
O&T: Wird dieses Thema in der
VdO diskutiert? Gibt es Pläne
für intensivere Gespräche mit den Hochschulen?
Ehrlich: Darüber gesprochen wird schon. Es hat sich aber gezeigt,
dass das Thema außerhalb unseres Kreises nicht stattfindet
und dass es die Hochschulen nicht erreicht. Wir sprechen gerne
von der Ausbildung von „Sängerpersönlichkeiten“,
nicht von Solisten. Und diese Sängerpersönlichkeiten
müssen allseits gebildet und geformt werden – auch mit
Chorpartien und Literatur, die derzeit nicht an den Hochschulen
unterrichtet werden. Das Problem ist so komplex, dass es letzten
Endes mit der gesamten Bildungspolitik und Schulproblematik in
Verbindung gebracht werden kann.
Stellungnahme des Intendanten
Statement zum Beitrag „Opernchorstudio Dresden“ in
der Ausgabe 4/09
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich bedanke mich, dass Sie mir die Möglichkeit einräumen,
die Umstände, die zur Schließung des Opernchorstudios
in Dresden geführt haben, in Ihrer Zeitschrift zu erläutern.
Als das Opernchorstudio der Semperoper im Jahr 1989 gegründet
wurde, war dies eine außerordentlich wichtige und kluge Initiative.
Das Opernchorstudio in Dresden hat auch in diesen Jahren seines
Bestehens sehr gute chorpädagogische Ergebnisse erzielt, die
dem Staatsopernchor der Semperoper mannigfach zugute kamen. Diese
Verdienste hoch zu bewerten und zu würdigen, steht außer
Frage. Im Jahr 2004 geriet die Sächsische Staatsoper Dresden
aus verschiedenen Gründen in große wirtschaftliche Bedrängnis,
mit der Folge, dass zusammen mit dem Sächsischen Staatsministerium
für Wissenschaft und Kunst (SMWK) für die Semperoper
ein umfassendes Konsolidierungsprogramm entwickelt wurde. Im Rahmen
dieses Programms wurden alle Strukturen des Opernhauses kritisch
analysiert und bewertet. In diesem Zusammenhang vertrat das SMWK
zusammen mit der Sächsischen Staatsoper die Auffassung, dass
es nicht zu den Aufgaben eines Opernhauses gehört, akademische
Chorsängerausbildung zu betreiben. Dies sei die Aufgabe
der Musikhochschulen. Das Ergebnis war der Beschluss, das Opernchorstudio
bis 2009 auslaufen zu lassen.
Begleitet wurde dieser Beschluss durch die seit vielen Jahren
zu beobachtende Tendenz, dass es immer schwieriger wurde, ausreichend
qualifizierte Bewerber für das Opernchorstudio zu gewinnen.
Zudem war mit der Umstellung der Studiengangstruktur auf Bachelor
und Master sowie der damit verbundenen Änderungen der Kriterien
für die Prüfungen das Ausbildungsmodell – Opernchorstudio
Semperoper – nicht mehr tragfähig.
Mit freundlichen Grüßen
Prof. Gerd Uecker
Intendant
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