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Die Arche als Integrationssymbol
Das Chor-Projekt „NOAH“ der Bayerischen Staatsoper
Gemeinsames Singen bildet Brücken des Verstehens und Miteinanders – auch wenn die Inhalte stark divergieren: „Du erzählst vom Schlauchboot mit Loch auf hoher See… und ich vom Urlaub mit den Eltern an der Spree“ – derartige Lebenszuschnitte prallen gesungen im „NOAH“-Projekt der Bayerischen Staatsoper aufeinander. Ihr diesmal gezielt auch an Jugendliche mit Migrationshintergrund gerichtetes „Campus“- und „Attacca“-Programm präsentierte nach monatelanger Vorbereitung ein eigenes Opus.
Die Erzählung von Flutkatastrophe, Flucht, Rettung und Neubeginn findet sich in allen Mythen, von Indien über das Zwei-Stromland bis Europa, in Thora, Bibel und Koran. Brandaktuell daran ist, dass in jeder Erzählung das göttliche Projekt Mensch gescheitert ist: durch Dummheit, Gier, Neid, Hass und Egoismus – deshalb Flut und Vernichtung –, bis auf den einen namens Nuah, Manu oder Noah, die Arche, ein Paar von jeder Art und die Anlandung am Berg Ararat, den arabischen Judi oder Malaya im Himalaya. Die Abfolge „Katastrophe – Flucht – Neuanfang“ war die Grundlage für die Zusammenführung von zehn jungen Flüchtlingen, zehn in München geborenen Youngstern mit Migrationshintergrund und zehn „echten“ Münchner Jugendlichen. Dieses Kollektiv wurde nach vielen Einzelgesprächen und einem „Destillat“ der Biographien in der „Arche Noah“-Thematik zusammengeführt: von Regisseurin Jessica Glause, Chorleiterin Amelie Erhard, Dramaturg-Texter Daniel Menne und Benedikt Brachtel, der als Dirigent Musik- und Chor-Teile von Benjamin Brittens „Noahs Flut“, eigene, gezielt einfache Musik-Teile und orientalische, von den jugendlichen Migranten gesungene und getanzte Musik zusammenfügte.
Begeisterung und Engagement: »NOAH«. Foto: Wilfried Hösl
Es folgten keine leichten Proben: Einige Migranten wollten anfangs mehr „klare Linie“ und „Ordnung“, als das Produktionsteam gezielt noch offen arbeitete und Anregungen aufgriff. Die „Münchner“ machten aufgrund ihres reichen Privatlebens dafür mehr Terminschwierigkeiten. Doch als aus dem Fundus Tierkostüme bunt zusammengesucht wurden, explodierten Begeisterung, Engagement und „künstlerische Verwandlung“.
Im dunklen, rauchverhangenen Raum nahmen die Besucher auf fünf Holztribünen Platz, „Çay“ in vorderorientalischen Teegläsern wurde gereicht, dunkle Musik und dann Harfenklänge mit der Aufforderung zum Arche-Bau. Reihum vor den Besuchertribünen erzählten Migranten ihre Flucht-Geschichte und zeigten die Route auf Kartentafeln – und schon da bekam der Musiktheaterabend beklemmendes Profil. Da war ein junger Mensch, ein Gesicht und ein erschreckendes Schicksal: Mord und Taliban-Horror in Pakirs Dorf nahe Jalalabad, 7.000 Dollar Schlepper-Kosten für seine Familie, Flucht durch Afghanistan, Iran, Türkei, Griechenland – und schließlich hielt der Zug nicht im erträumten „Dschermanni“, sondern in „München“ – wo ist das? Das erzählte Pakir bereits in gutem Deutsch, verschwieg seinen Familiennamen, weil das tödliche Folgen für zurückgebliebene Angehörige haben könnte. Angelehnt an Brittens Chor-Klage in „Noah“ ließ Brachtel dann von allen „Nicht einmal mehr Vögel fliegen über Homs“ singen. Später begleitete die Percussion-Gruppe ein arabisches Sprechgebet, vorgetragen von zwei vokal begabten Migranten und chorisch klanglich umrahmt. In Kurzszenen wurden Zivilisationsunterschiede angesprochen und in Rap-nahe Musik Brachtels eingebettet. Katastrophen-Geräusch-Klänge umrahmten eine körperliche Ahnung von Arche und aktuellem Fluchtboot, als alle Besucher in dem zentralen Holzgeviert von Valerie Liegls Bühne unter Lichtblitzen zusammengedrängt wurden. Doch dann endete alles in sicherer Anlandung und einem fröhlichen arabischen Schreittanz, in den die dreißig Chor-Solisten das Publikum mit einbezogen. Da flossen musisches Integrationsprojekt und reale kulturelle Bereicherung zusammen – in einem „Wir können es miteinander schaffen“.
Wolf-Dieter Peter
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