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Rekonstruierte Filmoper
Der „Rosenkavalier“ als Stummfilm mit Musik auf DVD · Von
Juan Martin Koch
Der Rosenkavalier (A 1926)
Bonusmaterial: Die Staatskapelle Dresden bei der Premiere der
restaurierten Filmfassung in der Semperoper, DVD 9/Codefree/PAL
(ca. 140 Minuten)
Begleitband: Günter Krenn (Hg.): „Ein sonderbar Ding“. Materialien
und Beiträge zum Stummfilm „Der Rosenkavalier“.
296 Seiten, 140 Abbildungen, DVD + Buch im Schuber, Verlag Filmarchiv
Austria, ISBN 978-3-902531-11-7. Zu beziehen über:
www.filmarchiv.at
Der Arbeit, die Musik dem Film anzupassen, habe ich mich gerne
unterzogen. Ich darf wohl annehmen, dass die aus Motiven der ,Rosenkavalier‘-Musik
geschaffene Filmmusik ihre Wirkung nicht verfehlen wird, umso mehr,
als der Regisseur des Films schon bei der Inszenierung auf das
Musikalische des Werks insofern Rücksicht genommen hat, als
er die einzelnen Szenen unter den Klängen der ,Rosenkavalier‘-Musik
inszenierte, also gewissermaßen den Rhythmus der Musik auf
den Rhythmus der Gesten übertrug. Ich werde mich sehr darüber
freuen, wenn der ‚Rosenkavalier‘-Film in den breiten
Massen als Volks-Filmoper neue Freunde gewinnt.“
Richard Strauss wusste schon 1926 auf der Klaviatur der Öffentlichkeitsarbeit
zu spielen, und vieles, was er in der Zeitschrift „Mein Film“ zu
Robert Wienes Rosenkavalier-Verfilmung äußert, klingt
uns zu Zeiten, wo Anna Netrebko und Rolando Villazón sich
anschicken, als Puccinis Bohème-Liebespaar die Kinos zu
erobern, merkwürdig aktuell in den Ohren. Freilich gilt es
zunächst einmal, zwei Punkte aus Strauss’ publikumswirksamer
Verlautbarung etwas genauer zu betrachten. Denn zum einen war es
in der Hauptsache nicht Richard Strauss selbst, der seine dreieinhalbstündige
Erfolgsoper von 1911 zu einem „Rosenkavalier ohne Worte“ von
gut zwei Stunden umgearbeitet hatte; dies überließ er
seinen Assistenten Karl Alwin und Otto Singer. Zum anderen war
die Relation „prima la musica, poi il cinema“ nicht
ganz so klar abgegrenzt, wie Strauss es suggerieren wollte.
Während man im vorzüglichen, knapp 300 Seiten starken
Begleitbuch zur DVD-Edition des Rosenkavalier-Stummfilms zur letztgenannten
Frage die unterschiedlichen Standpunkte von Film- und Filmmusikhistorikern
detailliert nachvollziehen kann – vor allem Nikolaus Wostrys überaus
lehrreicher Beitrag zur filmischen Rekonstruktion bezieht hier
klar Stellung –, hätte man über den genauen Arbeitsprozess
und Strauss’ Anteil daran gerne mehr erfahren. Immerhin war
er bereit, eigens für den Film einen Militärmarsch zu
komponieren und – gegen ein stolzes Salär – die
Premiere und weitere Aufführungen als Dirigent zu begleiten.
Hier war es in der Tat so, dass der – zu langen – Musik
die Dramaturgie des Films geopfert wurde. Er musste zum Teil verlangsamt
vorgeführt, an manchen Stellen sogar ganz gestoppt werden – einer
der Gründe, warum der Film nicht den erhofften Erfolg erzielte,
auch finanziell: Die Produktionsfirma kam ins Straucheln, musste
auf die Filmrechte verzichten, Kopien wurden vernichtet.
Umso schwieriger gestaltete sich dementsprechend die Rekonstruktion,
die 2006 mit sensationellem Erfolg in der Dresdner Semperoper stattfand
und nun in einer mustergültigen DVD-Edition des Filmarchivs
Austria vorliegt. Sie kann aus vielerlei Gründen keine „Urfassung“ darstellen,
kann aber in der komplexen Korrespondenz von Bild und Ton (ermöglicht
durch die musikalischen Kürzungen Bernd Thewes’) einen
Eindruck von dem vermitteln, was den Beteiligten 1926 vorschwebte.
Faszinierender noch als manche ganz unmittelbar synchronen Momente
von Handlung und Musik, ist der Gleichklang von Stimmungen, der
durch Alfred Rollers herrliche Szenerien und Kostüme, das
stumme, gleichwohl beredte Spiel der Darsteller (ausgerechnet der
Sänger Michael Bohnen stellt als Ochs die Schauspieler immer
wieder in den Schatten) und den quasi unendlichen symphonischen
Atem der frei zwischen Walzer- und Marschidiomen sowie den Charakter-
und Szenenmotiven changierenden Partitur, erzeugt wird. Die Dresdner
Staatskapelle unter Frank Strobel als luxuriöses Filmorchester
trägt hierzu Entscheidendes bei.
Kaum auszudenken, was entstanden wäre, wenn sich das Drehbuchteam
auf das eingelassen hätte, was Hugo von Hofmannsthal zunächst
als Drehbuchentwurf vorgesehen hatte: Er wollte nicht, wie am Ende
geschehen, die Opernhandlung durch einige zusätzliche Schauplätze
und Figuren (etwa die des Feldmarschalls) erweitern, sondern eine
ganz andere Geschichte erzählen, nämlich jene, die dem
aus der Oper bekannten Plot vorausgeht. In diesem Fall hätte
es wirklich einer komplett neuen Filmmusik bedurft und Strauss
hätte als deren Pionier in die Geschichte eingehen können.
Was bleibt, ist das unschätzbare Dokument einer abgesunkenen
Epoche.
Juan Martin Koch |