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Die Verlockung des Schönklangs
Henzes „Bassariden“ in Hannover · Von Christian
Tepe
Als 1966 „Die Bassariden“ in Salzburg uraufgeführt
wurden, fühlten sich viele selbsternannte Fürsprecher
der musikalischen Avantgarde in ihrer Schmähung des Komponisten
Hans Werner Henze bestätigt. Es fiel das Wort vom „Meisterstück
eines geschleckten Kunsthandwerks“. Dieses Urteil überrascht
insofern, da doch der terzen- und sextenselige Wohllaut, mit dem
Henze die Klangwelt des Dionysos wattiert hat, eine klare musikdramaturgische
Funktion erfüllt. In ihm spricht sich der Ungeist der Täuschung
und Verblendung aus – jene Kampfmittel also, die es Dionysos
ermöglichen, aus den Bürgern Thebens mordlustige Komplizen
seines Vernichtungswerks zu machen und sogar seinen Herausforderer,
den Rationalisten Pentheus zu betören und schließlich
zugrunde zu richten. Die bezirzenden Töne sind eine musikalische
Chiffrenschrift für das Manipulationshandwerk der politischen
Psychologie.
Solch eine aufklärerische Lesart der musikalischen Textur
ist in Hannover der Anknüpfungspunkt für das Dirigat
von Stefan Klingele, der die „imaginäre Gestalt eines
musikalischen Jugendstils“, wie sie Henze vorschwebte, aus
analytisch-epischer Distanz angeht. Die Zuhörer werden durch
den schwelgerisch-kulinarischen Schönklang nicht überwältigt,
sondern studieren als musikalisch Mitdenkende ein Lehrstück über
den Niedergang der Polis. Doch kommt man damit nur an einen Teilaspekt
der komplexen dialektischen Werkstruktur heran. Die ungeheuerlichen
Abgründe, die seelischen Verwicklungen und Versuchungen dieser
Musik, ihre geheime Sympathie für den alle Barrieren niederreißenden
dionysischen Taumel bleiben eher angedeutet als ausgedeutet. Klingele
dämpft die Wucht und Monumentalität der dynamisch gesteigerten
Strecken der Partitur spürbar, was den auch sprachlich gut
vernehmbaren Solisten andererseits zusätzlichen Raum für
ihre sublimen vokalen Charakterstudien eröffnet. Robert Künzli
verleiht dem Dionysos eine freizügige, laszive Sanftheit,
die sich allmählich in harte, unbeugsame Bestimmtheit verwandelt.
Mit reichen psychischen Schattierungen modellieren Brian Davis
(Pentheus) und Okka von der Damerau (Beroe) die elegischen Kantilenen
ihrer erschütternden Klagelieder.
Unbestrittener Protagonist ist aber der von Dan Ratiu exzellent
präparierte Chor der Staatsoper Hannover, der in dieser Produktion
erneut eindrucksvoll seine Zugehörigkeit zur Leistungsspitze
der deutschen Opernchöre demonstriert. Technische Souveränität,
Luzidität und Noblesse in Tongebung und Klangmischung vereinen
sich mit einem hochdifferenzierten Ausdrucksspektrum, das von suggestiver
Piano-Empfindsamkeit bis zur vital-aggressiven, doch stets kontrollierten
Attacke reicht. Das alles ist umso bewunderungswürdiger, wenn
man sieht, wie Regisseur Tilman Knabe dem Chor eine wahre Tour
de Force abverlangt, die bis an die Grenzen des für die Sänger
Annehmbaren geht.
Doch mögen die Bassariden sich noch so ungestümen Sexorgien
hingeben, mögen die bis auf die Unterwäsche entblößten
Mänaden noch so ungehemmt mit Maschinengewehren ihre Liebespartner
niedermähen: Der Betrachter bleibt davon eigenartig unberührt.
Knabe bedient sich hier einer als Hypernaturalismus daherkommenden,
in Wahrheit jedoch medial vorproduzierten Gewaltästhetik,
die sich unter den ganz anderen Sehvoraussetzungen der Opernbühne
schier lächerlich ausnimmt. Aus diesem Material lassen sich
keine triftigen musiktheatralen Bilder formen, um zu den Ursachen,
zu dem emotionalen Kern all der grausamen Exzesse vorzudringen.
Mit einem auf permanente Überrumpelung zielenden Aktionismus
versucht Knabe vergessen zu machen, wie begrenzt sein szenisches
Vokabular für die Musik Henzes tatsächlich ist.
Allein in den Duetten und Ensembles gewinnt die Aufführung
ein wenig an Intensität, blitzt etwas von dem Potential auf,
das Knabe andernorts schon an den Tag gelegt hat. Das gilt besonders
für die ungemein spannungsvollen und ergreifenden Augenblicke,
wenn Agaue (Arantxa Armentia) allmählich wieder aus den dionysischen
Verzückungen zu Bewusstsein kommt und erkennen muss, dass
es der abgerissene Kopf ihres eigenen, im kollektiven Blutrausch
der Mänaden von ihr selbst getöteten Sohnes Pentheus
ist, den sie da triumphierend in ihren Händen hält. In
solchen Momenten behauptet sich natürlich auch einfach die
Stärke des Stückes. „Die Musik streut Bilderfunken
um sich“, bemerkte Nietzsche einmal. In Hannovers „Bassariden“ blieb
sie mit dieser Gabe letztlich doch für sich allein.
Christian Tepe
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