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Nächstenliebe mit J.S. Bach
Alain Platels „Pitié!“ bei der RuhrTriennale · Von
Bettina Trouwborst
Alain Platel wurde katholisch erzogen und die christliche Ethik
spielt eine wichtige Rolle in seinem Leben und Werk. Allerdings
in anderer Weise als es sich seine Erzieher vermutlich gewünscht
hätten. Der belgische Theatermacher und Choreograf ist ein
höchst kritischer, bisweilen radikaler Geist. Weniger bibeltreu
als mitfühlend sieht er beispielsweise Maria als Mörderin: „Das
Bild der Mutter/Mörderin spiegelt meine tiefste Überzeugung
wider, beinhaltet aber keine Verurteilung.“ So erklärt
Platel sich im Programmheft zu seiner neuen Produktion „Pitié!
Erbarme dich!“, Höhepunkt der RuhrTriennale in der Jahrhunderthalle
in Bochum.
Alain Platel ist gewissermaßen der Erlöser unter den
zeitgenössischen Theatermachern. Im Alltäglichen sucht
er das Erhabene. Voller Toleranz und Mitleid blickt er auf die
Menschheit, vor allem auf ihre Sozialfälle. Der Flame gibt
dem Elend der Welt in seinem Werk Raum, befreit die Seelen in seinem „Bastardtanz“,
spendet Trost mit himmlischer Musik. So viel Gutmenschelei wäre
schwer erträglich, gestaltete sie sich nicht so wunderschön.
Platels mit der RuhrTriennale koproduzierte Passionsspiele sind
internationale Erfolgsstücke: 2003 bespielte er mit Mozart
die Suburbs („Wolf“), 2006 entdeckte er in Monteverdis
Marienvesper das Leid der Obdachlosen („VSPRS“, 2006).
Bei der Uraufführung der neuen Produktion „Pitié!
Erbarme dich!“ in der Bochumer Jahrhunderthalle predigt er
mit Bachs Matthäuspassion nun Nächstenliebe. Mit seiner
weltberühmten Compagnie „C. de la B.“ bevölkert
eine Multikulti-Truppe in Trainingsklamotten die Bühne, allesamt „nomadische
Persönlichkeiten“ (Platel) wie das Orchester „Aka
Moon“, platziert auf einem Podium aus Paneelen. Die Holzkonstruktion
dient auch als eine Art Beichtstuhl: Künstler hauchen zwischendurch
letzte Worte von zum Tode Verurteilten hinein wie „I didn’t
kill him. I wanna thank my family“. Von oben hängen
Tierhäute herab – wird doch jemand zur Schlachtbank
geführt. Vorn ein Abendmahlszenario mit einem Tisch, an dem
die drei Sänger Platz genommen haben – allesamt herrliche
Stimmen. Der Countertenor Serge Kakudji (Kongo) im grellen Jesus-Shirt
und die Sopranistin Claron McFadden (USA) als Jesus und Maria Magdalena,
die italienische Mezzosopranistin Cristina Zavalloni interpretiert
die Maria, eine Rolle, die bei Bach nicht vorgesehen ist.
Fabrizio Cassols Komposition nach Bach für Flöte, Trompete,
Saxophon, Bratsche, Cello, Bassgitarre und Schlagzeug nimmt dem
Original die Schwere. Der Belgier hat die Passion verschlankt,
ihr barocke Verzierungen genommen. Umso kraftvoller wirkt Bach,
wo Bach geblieben ist. Soul, Jazzrock, Afro-Rhythmen und Gospel
klingen an, manchmal denkt man sogar an Operette. So wenig wie
Platel scheut Cassol das Profane, das das Erhabene nur umso größer
scheinen lässt. Auch färbt der Komponist die himmlischen
Harmonien bunt, ja soulig-schwarz wie die Arie „Blute nur,
du liebes Herz“. Dreistimmig erklingt das „Erbarme
dich!“, geht es doch um die höhere Macht der Gnade für
die Menschheit. Das Passionsgeschehen vollzieht sich allerdings
nur andeutungsweise, obgleich „Pitié!“ der Dramaturgie
der Matthäuspassion folgt. Allenfalls Judas‘ Verrat
und Jesu Hinrichtung werden augenfällig. Platel, der sich
unter anderem von Pier Paolo Pasolinis Verfilmung inspirieren ließ,
sublimiert die biblische Erzählung, um sie in unsere Welt
zu spiegeln.
So stürzt er seine Streetdance-Jünger in extreme, getanzte
Gefühlsausbrüche, schützt sie dabei durch eine feine
Haut aus Ironie. Die Tänzer lassen Bauchmuskeln spielen, bewegen
ihre Körper in Wellen, onanieren sich die irdischen Qualen
aus dem Leib. Zweisamkeit bedeutet Aggression: das ekstatische
Zerren an Hautfalten, Aneinanderklatschen von Oberkörpern,
Ziehen an Haaren. Platel, studierter Heilpädagoge, offenbart
die seelische Versehrtheit im körperlichen Defizit wie einst
Pina Bausch: im Zwanghaften. Ein Ballett der Bekloppten: Schreie,
Tritte, geballte Fäuste. Und Zittern – ein Stottern
des Körpers. Und wie sensibel das Solo eines Irren in Unterwäsche,
die Arme wie gestutzte Flügel, der Kopf krankhaft nach unten
hängend.
Anders als in den beiden vorangehenden Passionen entlässt
uns Platel gnädig mit etwas Hoffnung. Wenn Paare in gewaltloser
Umarmung zueinander finden, ist es, als hätte die Welt zur
Besinnung gefunden. Wenigstens für den Moment. Standing Ovations.
Bettina Trouwborst |