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Rousseau vor Augen
Die Ligerzer Opernwerkstatt aus Sicht eines Teilnehmers · Von
Patrick Hahn
Jean-Jacques Rousseau war selten glücklich. Zu den raren
Glücksmomenten seines Lebens zählte der Tag, an dem ein
wohlhabender Berner ihn einlud, sich auf seinem Gehöft zu
erholen, auf der St. Petersinsel, mitten im Bielersee. Seit vier
Jahren nun erlaubt der Kanton Bern, gemeinsam mit der privaten
Stiftung Aarbergerhus und der kleinen Gemeinde Ligerz, einer ausgewählten
Schar von jungen (Musik-)Dramatikern einmal im Jahr für wenige
Tage, den Träumereien Rousseaus, des groß
en Vordenkers in Sachen Sprache und Musik, nachzuhängen. Zwei
junge Theatermacher haben den Weg hierfür geebnet: der Dirigent
Titus Engel und der Opernmanager Viktor Schoner. Beide sind Mitte
dreißig und teilen seit ihrer Studienzeit in Berlin das Interesse
an dieser hybriden Kunstform. Gemeinsam reisten sie zu Pierre Boulez,
um ihm die kesse Frage zu stellen, ob sein in den Sechzigern gelegter
Sprengsatz an den Fundamenten der Opernhäuser nicht gezündet
hätte. Ihre persönliche Antwort darauf gaben die beiden
Opernfreunde, indem sie junge Regisseure, Komponisten und Dramaturgen
um sich scharten, um neue Ideen für das Musiktheater von morgen
zu sammeln – eine Initiative, die bald darauf von der Deutschen
Bank übernommen und in eine Stiftung überführt wurde:
die Akademie Musiktheater heute.
Der Komponist als Librettist
Die Ligerzer Opernwerkstatt wurde begründet mit dem Ziel,
vor allem Autoren miteinander ins Gespräch zu bringen – Komponisten
und Schriftsteller. Denn merkwürdigerweise greifen Komponisten
heute meist selbst zu Stift und Papier, wenn es sie zur Bühne
zieht, die Namen großer Schriftsteller auf den Ankündigungen
der Opernhäuser sind seit Hugo von Hofmannsthal selten geworden.
Konsequent wandte sich die erste Werkstatt der besonderen Textsorte „Libretto“ zu.
Aus dem Alltag des Musiktheaterschaffens erwuchs auch die Begegnung
mit der „Einflussangst“, 2007 fragten die Organisatoren,
warum es dem heutigen Musiktheater meist so schwer fällt,
heiter zu sein. Bei der aktuellen Werkstatt stand das Thema „Textvertonung“ auf
der Tagesordnung.
In „Cartes blanches“, so ist es in Ligerz Usus, stellen
die Autoren persönliche Standpunkte zur Thematik vor: eine
halbe Stunde für die pointierte These, die meist Diskussionsstoff
für Stunden bietet. Schon im Rahmen des Eröffnungskonzertes
in der Ligerzer Dorfkirche wurden zwei Tendenzen unter den eingeladenen
Komponisten und Schriftstellern deutlich. Das verständliche
Wort ist in den aufgeführten Kompositionen die Ausnahme, die „Dekomposition“ von
Sprache die Regel. Ganz selbstverständlich verwenden die Tonkünstler
Sprache als Material, seien es Briefe von Galileo Galilei, wie
im Falle einer Komposition von Valerio Sannicandro, oder O-Töne
von John Cage, wie im Falle Oliver Schnellers. Andere, wie die
Komponistin Elena Mendoza-López weiten den Sprachbegriff
aus, wenn sie das gestische Repertoire eines Musikers gleichfalls
in ein musikalisches Vokabular einbeziehen. Robin Hoffmann erfindet
gleich eine ganz neue Zeichensprache, wenn er in seinem Body-Percussion-Stück „An-Sprache“ jedem
Laut eine Geste hinzunotiert. Dies sind in etwa die Pole, zwischen
denen die Komponisten sich bewegten: Sprache als bloßer Materialsteinbruch
oder Sprache als metaphorisches Absolutum. Weiter Weg zum Applaus
Gemeinsam war den geladenen Komponisten auch die Geläufigkeit,
mit der sie das „Wie“ ihrer Produkte zu erläutern
wussten. Bei der Frage nach dem „Warum“ fielen die
Antworten häufig spärlich aus. Es scheint, als hätte
sich ein ursprünglich sprachkritischer Impuls in virtuose
Geläufigkeit verwandelt. Anders im Falle der Dramatiker – sie
suchen noch, wie Andreas Liebmann in seinem Stück über „explodierende
Menschen“ nach einem bühnenreifen Modus der Sprachauflösung.
Auf der Suche nach „aktuellen künstlerischen Forschungszentren“ jenseits
verschlafener Institutionen findet man in Ligerz lebendige Diskussionen,
die ein spannendes Panorama zeitgenössischer Positionen bieten.
Man muss es dabei als Stärke dieser Werkstatt ansehen, dass
sie die Züge einer Klausurtagung mit kleiner Gästeliste
trägt. Über Publikationen werden die Diskussionen anschließend öffentlich
zugänglich gemacht, das jährliche Werkstattkonzert wird
in der Region mit Interesse verfolgt. Mittelfristig aber sind es
die Begegnungen zwischen Komponisten und Schriftstellern, die das
Musiktheaterleben bereichern werden. „Preise gibt es in Ligerz
nicht zu gewinnen“, betonen die Veranstalter, „aber
Lust auf vertrauensvolle Zusammenarbeit“. Die ist auch nötig – der
Weg bis zum Bad im Premierenapplaus ist viel länger als die
wenigen Schritte bis zum Bad im Bielersee.
Patrick Hahn |