|

Ein scharfkantiges Prisma
Katharina Wagner inszeniert in Bremen „Rienzi“ · Von
Christian Tepe
Vielleicht ist die Oper „Rienzi“ mit ihrem bombastischen
Prunk, ihrem schwülstigen Pathos, wo alles nur auf die permanente Überwältigung
des Zuschauers berechnet ist, ein für heutige Ohren unrettbar
verlorenes Werk. Bekannt ist, dass Wagner selbst schon bald nach
Fertigstellung der Partitur ein tiefes Entfremden gegenüber
seiner eigenen Schöpfung empfand. Denkt man dann noch an die
unselige Rezeptionsgeschichte, an die narzisstische Selbstbespiegelung
des jungen Adolf Hitler in der Titelfigur und die spätere „Nobilitierung“ der
Ouvertüre zur Eröffnungsmusik der NS-Parteitage, so scheint
das Urteil über Richard Wagners „Große tragische
Oper“ besiegelt.
Katharina Wagners Neuinszenierung des „Rienzi“ für
das Bremer Theater unternimmt es, in einem scharfkantigen Prisma
all die genannten Faktoren zu brechen. Dadurch dass die Regisseurin
die mangelnde Authentizität der Musik dieses Spektakelstücks
dekonstruktivistisch beim Wort nimmt und offen auf der Bühne
ausstellt, verwandelt sie eine kulinarische Ausstattungsoper in
kritisches zeitgenössisches Musiktheater über Demagogie
und Massenverdummung: „Rienzi zieht das Volk immer wieder
durch Rhetorik auf seine Seite. Das Versprechen wird immer absurder
und trotzdem wird es geglaubt“, erläutert sie ihren
Ansatz. Die charakterliche Ambiguität der Titelgestalt als
Freiheitsapostel, Revolutionär und Machtpolitiker stutzt sie
auf blanken, menschenverachtenden Nihilismus zurück. Nach
optischen Reminiszenzen an die berüchtigten Massenhypnotiseure
der Geschichte sucht man in ihrer Inszenierung jedoch weitgehend
vergeblich. Schließlich ist es heute die unaufhörliche
Bearbeitung der Gehirne durch die Unterhaltungsindustrie, die die
Menschen um ihren Verstand bringt. Also treibt der Volkstribun
schon bald nach seiner „Machtergreifung“ in der Larve
des smarten Entertainers sein böses Spiel mit der Menge, die
sich auf einer die gesamte Bühnenbreite einnehmenden Showtreppe
zu immer neuen Formationen gruppiert. Wer nicht einverstanden ist,
wer nicht mitmachen will, der wird von Rienzi mit einer Pestizidkanone,
die zugleich eine Mischung aus Schwert und Mikrofon darstellt,
unschädlich gemacht. Die eigentlichen Strippenzieher, verkörpert
in Kardinal Raimondo (finster-seriös: Franz Becker-Urban),
halten sich dezent im Hintergrund.
Auch wenn sich nicht jeder mit Katharina Wagners kühl-analytischem
Zugriff auf das Stück, der gewollt outrierenden Gestikulation
der Darsteller und der mutwillig das Auge verletzenden, grellen
Abgegriffenheit ihrer Bildästhetik wird anfreunden wollen – Konsequenz
und Innovation kann man ihrer Arbeit nicht absprechen. Nur ein
einziges Mal durchbricht sie ihren ironisch-distanzierten Erzählmodus
für eine unter die Haut fahrende surreale Sequenz, wenn nämlich
die Mütter für ihre von Rienzi abermals zum Kampf gegen
die Aristokraten aufgestachelten Söhne beten und dabei aus
den Treppenabsätzen in wahren Sturzbächen das Blut hervorströmt,
so dass Rienzi, der Volkstribun, darin ein Blutbad nehmen kann,
bis schließlich die Toten selbst als gesichtslose Lemuren
zurückkehren.
In einem eigenartigen Kontrast zu dem mit dem auftrumpfenden Impetus
der Oper selbstbewusst spielenden Regieansatz steht die musikalische
Interpretation. Wohl aus dem Bestreben heraus, jeglichen waffenklirrenden
Lärm zu unterdrücken, lassen die Bremer Philharmoniker
unter der Leitung von Christoph Ulrich Meier schon die Ouvertüre
allzu matt und abgedämpft erklingen. Bei allem Feinsinn und
Nuancenreichtum schleichen sich immer wieder Unkonzentriertheiten
ein. Meiers Dirigat bleibt an diesem Abend oft energie- und spannungsarm,
es fehlt der Musik die Plastizität.
Mark Duffin als Rienzi ist nicht der Vokalrhetoriker, wie ihn
die szenische Deutung verlangt hätte. Die bemühte Vitalität
seines Tenors bleibt im Ausdruck zu pauschal – darüber
mag auch die expressive Körpersprache Duffins nicht hinwegzutäuschen.
Tamara Klivadenkos Adriano offenbart bei aller stimmlichen Flexibilität
Defizite in der Phonetik und einige Schärfen in der Höhe.
Aufhorchen lässt der warme, auch noch im hochdramatischen
Aplomb tragfähige, ausdrucksvolle Sopran von Patricia Andress
als Irene. Die Chöre (Tarmo Vaask) überzeugen durch Volumen
und Elastizität und lassen es sich nicht nehmen, aus dem enorm
wirkungsvollen Chorpart das musikalischen Glanzlicht des Abends
zu machen. Besondere Hervorhebung verdient die engagierte darstellerische
Leistung der Chöre. Auch sie vermag indes nichts daran zu ändern,
dass diese Produktion den Nachweis der Repertoiretauglichkeit von „Rienzi“ schuldig
geblieben ist.
Christian Tepe |