
Das Primat der Kultur
Klaus Zehelein zum VdO-Jubiläum
Frau Thies [Kulturdezernentin der Stadt Wiesbaden, Anm. d. Red.]
wies uns ja darauf hin, was uns vielleicht durch die Finanzkrise
auch im Theater erwarten wird. Ich denke, es wird sehr schwer sein,
auf die Argumentation politischer Ideenträger einzugehen,
weil das, was wir verteidigen und was wir sind, immateriell ist.
Das heißt: Das, was wir bewirken, ist nicht unter der Kosten-
und Nutzenschablone zu interpretieren.
Seit September letzten Jahres wissen wir, dass wir in einer ganz
schweren Zeit leben. Wir haben geglaubt, dass die Theorie und die
Praxis der Ökonomie den Realitätssinn haben, den wir
immer voraussetzten – selbst bei so traumatischen Erscheinungen
wie der Börse dachten wir alle doch, dass sie eine bestimmte
Realität darstellt und der Realität einen bestimmten
Sinn gibt. Dem war nicht so. Die Ökonomie, die Finanzwelt, hat sich in eine zweite Welt
katapultiert, die sie für real hielt. Aber es stellte sich
heraus, dass diese zweite Welt eine absolute Fiktion ist – die
in einer Katastrophe platzte. Wir vom Theater wissen, dass auch
wir eine zweite Welt herstellen. Aber wir wissen von dieser Welt,
dass sie Schein ist. Sie ist Schein, weil sie ein Feld des Experiments
ist. Was wir machen, ist eine zweite Welt, die von ihrem Schein
weiß. Das unterscheidet uns grundsätzlich von der Ökonomie.
Alan Greenspan sagte im September des letzten Jahres: „Ich
mache das jetzt seit 40 Jahren, und ich habe immer gedacht, es
funktioniert. Nun bin ich darüber erschrocken, dass es nicht
funktioniert hat.“ Greenspan war immerhin mal der Chef der
US-Notenbank.
Ich mache seit über 40 Jahren Theater, und ich weiß ganz
genau, dass es so nicht funktioniert. Es hat nie funktioniert.
Man geht es immer wieder neu an, man probiert es immer wieder.
Und man redet miteinander.
Nicht nur eine Finanzkrise
Wir – im Theater und in der Kultur – haben genau jene
Themen, die sträflich vernachlässigt wurden in dieser ökonomischen
Debatte. Dieser – schlechte – Eigennutz steht den Themen,
mit denen wir im Theater umgehen, total entgegen. Bei uns geht
es doch um Solidarität – und wenn es um den Eigennutz
geht, dann wird er kritisch durchleuchtet.
Ich möchte den Politikern ganz klar sagen: Warum sollen ausgerechnet
wir uns an den Spargeschichten beteiligen, obwohl wir genau das
Gegensätzliche zur Verhandlung in diese Gesellschaft bringen?
Was ist es denn, was die Gesellschaft jenseits der materiellen
Interessen zusammenhält?
Zu der Zeit, im September 2008, als die Krise deutlich als Katastrophe
erschien, wurde auf der Schwäbischen Alb eine Knochenflöte
gefunden, die 35.000 Jahre alt ist. So weit ich weiß, ist
die doppelte Buchführung gerade mal 600 Jahre alt. Was ist
es also, das unsere Gesellschaft zusammenhält?
Ist es diese Art der Ökonomie, sind es diese fiktionalen,
ja uns fast traumatisierenden Momente dieser gesellschaftlichen
Krise? Wir haben es nämlich nicht nur mit einer Finanzkrise
zu tun. Es ist eine Kreditkrise: Credere heißt glauben, anvertrauen.
Was ist denn davon geblieben, außer den Boni, die weiterhin
gezahlt werden?
Es ist geradezu atemberaubend, wenn man gerade von uns verlangt – und
wir müssen uns hier absolut solidarisch zeigen – dass
wir uns an dieser Spargeschichte beteiligen sollen. Wir sind das
Zentrum der Gesellschaft, nicht die Ökonomie.
Solidarität
Wir sollten solidarisch zusammenhalten – bei allen Interessenunterschieden
zwischen VdO und Bühnenverein. Wir wissen aus der Vergangenheit,
dass der Streit um die Interessen nicht Krieg sein muss.
Natürlich geht Solidarität nicht so weit, dass man die
Interessenunterschiede eindampft. Aber gerade in der heutigen Zeit
sollten wir eine bestimmte Form der Solidarität untereinander
pflegen, nämlich die Solidarität zum Theater-Ganzen.
50 Jahre VdO! Ich habe immerhin 15 Jahre davon als Intendant
der Staatsoper Stuttgart miterlebt. Ich hatte in Stuttgart bei
allen
Interessenunterschieden immer den Eindruck, dass, wenn man an das
glaubt, was man tut, nämlich Kunst für eine Gesellschaft
zu machen, die gerade verödet und sich mittlerweile durch
Einschaltquoten definiert, dann kommt man auch zusammen.
Es waren glückliche Jahre mit dem Staatsopernchor in Stuttgart.
Klaus Zehelein
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